Salman Rushdie war auf der Leipziger Buchmesse. Er stellte dort sein neues Buch "Des Mauren letzter Seufzer" (Kindler Verlag) vor. Gelegenheit für Arno Widmann, dem Autor der "Satanischen Verse" einige Fragen zu stellen.

Erinnern Sie sich an die Szene in "Des Mauren letzter Seufzer", in der eine Gruppe indischer Lenin-Darsteller einen aus Rußland eintreffenden Lenin-Imitator begrüßt? Das ist eine Theaterszene mitten in der Romanhandlung.

Ja, ja, eine Burleske, eine Cabaretnummer. Ich kam auf die Idee, als ich in Indien große, bunte Wandgemälde sah, die Lenin zeigten.

Vor seinem Mund riesige Sprechblasen mit der runden Mayalalam-Schrift.

Also dort sprach Lenin schon "Indisch", und dann kennen wir ja alle die russischen Schauspieler, die spezialisiert waren auf Lenin. Eine ganz reale Burleske also. Was lag da näher als eine Marx-Brothers-Szene?

Interessiert Sie das Kino?

Von den späten Fünfzigern bis Mitte der siebziger Jahre war der Film das entscheidende Medium. Er machte damals eine unglaubliche Entwicklung durch. Das war das wirkliche goldene Zeitalter des Kinos. Dort gab es viel mehr zu entdecken als in der zeitgenössischen Literatur. Ich war gerade alt genug, um daran zu denken, Schriftsteller zu werden. Natürlich las ich Italo Calvino, Günter Grass und Jorge Luis Borges, aber meine Lehrzeit waren die Tage und Nächte, die ich im Kino verbrachte, mit den Filmen von Godard, Bergman und Fellini. Ich war nicht der einzige. Der Film hat die Wahrnehmung der Zuschauer verändert. Er hat das Publikum an bestimmte Techniken - wie Rückblenden, Zoom, Großaufnahme - gewöhnt. Was den begeisterten Lesern konventioneller englischer Romane ungeheuer kompliziert vorkam, war dem Kinopublikum längst vertraut. In "Mitternachtskinder" zum Beispiel gibt es eine Szene, die macht nur als Filmszene einen Sinn. Ein Junge beobachtet seine Mutter bei einem heimlichen Treffen mit einem Unbekannten. Das Paar sitzt in einem Café, und der Junge beobachtet sie durch ein Fenster - wie auf einer Kinoleinwand -, und er sieht, wie ihre Hände sich näher kommen. Es ist ihm unangenehm. Er sieht weg und konzentriert sich ganz auf die Zigarettenschachtel, die zwischen den beiden auf dem Tisch liegt. Er beschreibt diese Schachtel in allen Einzelheiten. Aber er steht auf der Straße.