Schafft er's noch mal? Na klar, der schafft das. Toi, toi, toi, wird schon schiefgehen, aller guten Dinge sind drei.

Zum dritten Mal in der Geschichte der Menschheit sollen in diesem Sommer wieder drei Tenöre den Gipfel des hohen C erklimmen, die Welttournee startet in Tokio, am 29. Juni im National Kasumigaoka Stadium, die Leute balgen sich um die Karten. Die Sänger sind bekannt als "The 3 Tenors", eine Band, die längst auch von Hüten, Tüten, Kaffeetassen und Kartenspielen grüßt, und sie klimmen, singen und siegen am Strahlendschönsten selbdritt: Pavarotti, Domingo, Carreras. Dabei gibt es in der Opernliteratur gar keine Terzette für drei Tenöre. Auch ist das weltberühmte und sagenumwitterte hohe C eine einsame Angelegenheit, ein öder, gewissermaßen eintöniger Gipfel, der nur solistisch bezwungen werden kann und bislang nur von wenigen Erwählten gehalten wird. Beispielsweise von Birgit Nilsson, 77jährig: "Sie können mich nachts um drei wecken, und ich schmettere ein perfektes hohes C." Oder von Luciano Pavarotti, 60jährig: "Ich weiß, daß viele Leute diese hohen Cs erwarten, wie man im Zirkus vom Trapezkünstler den dreifachen Salto mortale ohne Netz erwartet."

Pavarotti ist, im Unterschied zu Plácido Domingo und José Carreras, die sich ihre Spitzentöne mit viel Fleiß erst erarbeiten mußten, von Hause aus ein sogenannter "C-Tenor". Das heißt, seine Naturstimme liegt außergewöhnlich hoch. Bereits als junger Mann hatte er keine Probleme damit, bis zum hohen Es hinaufzuklettern, drei Halbtöne über das zweigestrichene C hinaus. Später, anno 1972, brachte er eines Abends die Belcanto-Fans in der Met zur Raserei, indem er der Bravourarie des Tonio im ersten Akt von Donizettis "La Fille du Régiment" zwei hohe Cs mehr hinzufügte, als die Partitur vorsah. Sensation! Neun hohe Cs nacheinander, eines so rund und schön wie das andere!

Seither führt der vielgeliebte "Paweräddi" daheim in den USA den Ehrentitel "The King of the High Cs" - und gewiß hieße er heute noch so, wäre da nicht gerade kürzlich lauffeuerartig diese Schreckensnachricht um die Welt der Musik geeilt: Am 4. November 1995, so meldeten entsetzt die Agenturen, habe "der italienische Startenor an der New Yorker Metropolitan Opera das erste hohe C in der Arie ,Pour mes amis` am Ende des ersten Aktes von Donizettis ,Regimentstochter` nicht erreicht. Vor einem leise stöhnenden Publikum sang Pavarotti den Rest der Arie eine Oktave tiefer zu Ende und ließ sich dann von dem französischen Tenor Jean-Luc Viala ersetzen."

Nicht erreicht!!! Ach, das war bitter. Und noch Schlimmeres trat ans Licht: Schon vier Tage zuvor nämlich hatte Pavarotti die schwierigen Passagen mit den Spitzentönen clam und heimlich einfach heruntertransponiert, so daß sein hohes C plötzlich ein H, möglicherweise gar nur noch ein B oder ein A, ganz gewiß aber eben kein hohes C mehr war ...

und er selbst nicht mehr länger König und C-Tenor. Ist es also wahr, was sauertöpfische Kritiker unken: daß der Tenorissimo sich seit Jahren überfordert hat? Daß sein Timbre hart und metallisch geworden, in der einst strahlenden Höhe nur noch gequetscht und verknödelt und diese berühmte Stimme also schon so gut wie am Ende sei? Schließlich wandte sich gar sein treues Weib an die Gazetten mit der Warnung, daß Pavarotti altersblöde über die Stränge schlage, auch die Bunte macht sich jetzt Sorgen um die amourösen Eskapaden des "alten Esels". Was soll da werden aus der Welttournee der drei Tenöre? Kein Problem. Wird schon schiefgehen. Auf jeden Fall wird es die große Absahne vor der Abdankung.

Nie zuvor in der Geschichte des Belcanto ist mit einem Schlag so viel Umsatz angepeilt worden. Von dem ersten "3 Tenors"-Konzert (1990 zur Fußballweltmeisterschaft in Rom) hatte nur Pavarottis Plattenfirma Decca profitiert, vor und nach dem zweiten (1994 in Los Angeles) gab es schon ein gewaltiges juristisches Gerangel um die mediengerechte Vermarktung, und die neue Tournee 1996/97 hat sich zu einem perfekt durchorganisierten Milliardengeschäft gemausert. "Nach dieser Tour", sagt der Veranstalter Matthias Hoffmann glücklich, "bin ich der reichste Promoter im Lande."