Alle wissen - oder sollten doch wissen, daß wir die Millionen Jahre alte Substanz der Erde verfeuern und verbrauchen, statt von ihren Erträgen zu leben, daß wir schon jetzt das Erbe der Enkel verprassen. Täglich wächst die Weltbevölkerung um 280 000 Menschen. Ständig nehmen der Energieverbrauch, die Verschmutzung der Atmosphäre, der Anteil von Stickstoff und Schwefelsäure und anderem Teufelszeug in der Luft zu. Eine auf der Konferenz in Rio mühsam vereinbarte Reduzierung dieses Anteils um den Faktor 4 reicht bei einer - voraussehbaren - Vermehrung der Menschheit auf zehn Milliarden längst nicht mehr aus. Die Bewohner der Erde sind schon lange zur Notgemeinschaft geworden, die außerordentliche politische Energien und Entscheidungen braucht.

Die Europäer verbrauchen je ein Viertel der angewandten Energie für Produktion und Verkehr, die Hälfte der gesamten Energie jedoch für den Betrieb ihrer Gebäude - für besonders umsichtige Architekten und Ingenieure längst Grund genug, für sparsamere und sinnvollere Verwendung von Energie zu sorgen. So wurde die "Europäische Charta für Solarenergie in Architektur und Stadtplanung" von Thomas Herzog (dem jüngsten Träger des Großen BDA-Preises, den der Bund Deutscher Architekten eher sparsam unter seinesgleichen vergibt) ausgearbeitet, mit hervorragenden Architekten aus Europa diskutiert und 1995 verkündet. In der vergangen Woche tagte nun im Berliner "Haus der Kulturen der Welt" die (unterdessen vierte) "Europäische Konferenz - Solarenergie in Architektur und Stadtplanung", ergänzt mit Ausstellungen und Dokumentationen des Erforschten und Erreichten - das sollte ein Signal, zugleich natürlich auch ein Aufruf zu politischer Besinnung sein.

Eines der mittlerweile schon modisch gebrauchten Stichwörter im neueren Architekturvokabular heißt "nachhaltig". Nachhaltig sind Baustoffe und Bauelemente, sind Häuser und schließlich ganze Stadtquartiere.

"Nachhaltig" hat offensichtlich "behutsam" abgelöst (und so ist die "behutsame Stadterneuerung" in Kreuzberg in der neuen Gründerzeit Berlins auch nur noch das Biedermeier früher Sanierungsjahre).

"Umweltbewußtes Planen" ist längst von "ökologischem" Planen abgelöst worden. Ökologie, urpsprünglich ein Teilgebiet der Biologie, befaßte sich mit Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umgebung. "Ökologisch" meinte den Ort und bedeutet längst alle Welt. Alles ist "öko", es gibt Ökobauern, -bäcker und nicht erst seit dem Rinderwahn auch Ökofleischer; schon gibt es auch den "ökologischen Bebauungsplan".

Ökologie ist so ein Allgemeinbegriff wie Obst geworden. Nun aber fordern Fachleute das Auseinanderhalten von Äpfeln und Birnen, das heißt: genauere Definitionen.

Drei Jahre dauerten die Vorbereitungen der Konferenz, und so war sie sehr gut gegliedert. Es ging um die Durchsetzung von Solarenergie in Architektur und Stadtplanung, um Konzepte für die Stadtplanung, um die berufliche Ausbildung für Solararchitektur, ihre Grundlagen und Analogien in der Natur, um Photovoltaik, Entwurfsmethoden und Werkzeuge, Technologien für die Solararchitektur, auch um das Tageslicht und um das angemessene Baumaterial. Das war - als Kompendium - die Einführung in eine neue Bauwelt.