Und du bist durch all diese Dörfer hindurchgegangen und bezeugst, / welchen Lohn in ihnen ein Dichter erhielt von der zertretenen Harfe, / einem Haufen Viehsalz und einer verdreckten Türklinke ..."

Die Biographie des tschechischen Lyrikers Ivan Divis klingt zuweilen wie eine Illustration zu seinen Versen. Nach dem "Prager Frühling" waren seine Gedichte in der CSSR verboten. Der Lohn, den der Dichter erhielt: die zertretene Harfe, das Exil. Divis siedelte 1969 nach München um. Doch hierzulande kannte ihn bis vor kurzem fast niemand.

Der Lohn für sein dichterisches Schaffen hier: Verlust der eigenen Sprachwelt, Armut und Vergessen. Ivan Divis, obgleich sehr produktiv und sich gleichsam schreibend am Leben erhaltend, führte ein Schattendasein.

Schon der lateinische Titel des Gedichtbandes, "Sursum" (Aufwärts) zeigt die Richtung an: Um ein Sich-Aufschwingen der Sprache und des Geistes geht es, um Erkenntnis durch Dichtung, um ein Ausloten der Grenzen der Wahrnehmung, des Ausdrucks und des Verstehens.

Dieser Dichter scheut vor großen, versunkenen und vielleicht fragwürdig gewordenen Begriffen der Tradition ebensowenig zurück wie vor dem Gestus des Weisen: "Aber die höchsten Seelen, die hochheiligen Seelen / fallen in die Erde, so daß wir über Seelen gehen, / wir gehen über Seelen und nehmen das Chaos auf die leichte Schulter, / als ob es selbstverständlich wäre, durch das Chaos zu spazieren ."

Die meist langzeiligen Texte nähern sich der Prosa, manche dem Aphorismus oder sogar der philosophischen Betrachtung. Überraschende Bilder, jähe Wendungen sowie eine Vielzahl feiner Anspielungen innerhalb der Gedichte verhindern jedoch meist, daß der Eindruck entsteht, der Dichter spekuliere ins Blaue. Freilich wirken das Visionäre der Gedichte, ihr Anspruch auf Wahrheit ebenso wie die Rolle des Dichters als geschundener Prophet manchmal befremdend, jedenfalls verblüffend unzeitgemäß. Divis gehört zu einer fast ausgestorbenen Spezies von Dichtern, die noch an die Wirkung ihrer Sprache - zumindest im Reich des Geistes - glaubt.

Im römischen Dichter Ovid scheint Divis einen Leidensgenossen zu entdecken: "Ich habe nur dreieinhalb Verse gelesen und das im Dunkeln - / aber ich erkannte schon, daß es sich um einen durchgerissenen Mund handelt, / zusammengenäht mit einem Zuchtdraht und ich wurde gejagt, / und verjagt in die Schamecke / und hingejagt vor das Gericht und hinausgetrieben in die Vertreibung, / wo ich ergraute und ganz grau wurde nach der Metamorphose ..." Ein Gedicht der Doppelungen, Wiederholungen und Variationen; ähnlich wie die Biographie von Ivan Divis das Schicksal des vertriebenen Dichters Ovid variiert.