Erstgeboren - das bedeutete im europäischen Kulturkreis traditionell Glück und Privilegien. Für Lelee dagegen, ein Mädchen von elf Regenzeiten, ist dieses Schicksal ein Fluch. Der Vater verläßt die Mutter nach der Geburt des ersten Kindes für Jahre. So verlangt es die Tradition der Fulbe, eines Hirtenvolkes in Niger.

Doch damit nicht genug: Die Mutter darf der geliebten Erstgeborenen keinesfalls ihre Gefühle zeigen. Darunter leiden beide, doch für das Kind ist dieses Schicksal weitaus tragischer: Es versteht die Riten nicht und kann nicht ahnen, daß die Mutter Ablehnung und Kälte nur vortäuscht, kann nicht wissen, daß die unbarmherzige Großmutter insgeheim denkt: "Du, meine einzige Enkelin. Ich möchte dir alles, wirklich alles geben, damit du glücklich wirst. Ich bin zwar oft böse zu dir, aber nur, um aus dir das klügste Mädchen weit und breit zu machen. Du bist schön wie eine Jungfrau aus dem Paradies. Zu deiner Schönheit muß ich die Tugend fügen."

Das Leben der Fulbe ist den Gesetzen der Natur unterworfen, das bedeutet ständigen Überlebenskampf, erfordert Stärke und Selbstbeherrschung.

Der Autor Abdoua Kanta, selbst erstgeborener Fulbe, hat gelernt, warum die Sitten seines Volkes von Selbstdisziplinierung geprägt sind - und er weiß auch, wie schmerzhaft dies sein kann. Ebenso authentisch wie seine Kritik an den im Laufe der Zeit zum Selbstzweck gewordenen Riten, ist jedoch auch seine Liebe zu seinem Volk und dessen eigenständiger, von den Städtern verspotteten Lebensweise.

"Lelee" ist auch ein Plädoyer für das "Recht auf Fremdheit": Nicht alles muß von uns Europäern sofort oder überhaupt verstanden werden, nicht alles paßt in das Muster unseres westlichen Denkens. Diese Andersartigkeit spiegelt sich auch in der erzählerischen Form: Abdoua Kanta schildert stets unmittelbar. Vorgeschichten, Nebenhandlungen oder Rückblenden existieren nicht, die Sprache ist einfach und direkt. Wunderschön klingt ein altes Märchen, das die Großmutter für Lelee erzählt und dem Leser eine Ahnung von der großen afrikanischen Erzählkultur vermittelt.

"Lelee, das Hirtenmädchen" gehört zu den drei Büchern, die im letzten Jahr mit der Blauen Brillenschlange ausgezeichnet wurden.

In Zusammenarbeit mit terre des hommes Schweiz seit 10 Jahren verliehen, erhält dieser Preis außerhalb der Schweiz allerdings viel zuwenig Aufmerksamkeit. Beklagenswert, setzen sich die ausgewählten Titel nicht nur mit Rassismus oder der Dritten Welt auseinander, sondern prägen auch literarische Maßstäbe: Politisch ambitionierte Bücher können nur dann überzeugen, wenn sie nicht nur echt sind, sondern auch echt wirken, eben dank ihrer erzählerischen Qualität.