Endlich geschafft, beinahe jedenfalls! Der Feminismus steht vor einem seiner grö&szligten Triumphe. Die deutsche Sprache wird einer Geschlechtsumwandlung unterzogen. Nicht mehr lange wird sie das Werkzeug eines rein männlich geprägten Denkens und Handelns sein, sie löst sich aus der Männerherrschaft, aus männlich wird weiblich. Wirklich wird diese Wandlung zuerst an den Hochschulen. Von da greift sie über auf die Schulen und die Verlagshäuser.

Das erste Indiz für diesen kühnen Perspektiven- und Paradigmenwechsel bietet das jüngste Buch des Präsidenten der Universität Oldenburg, Michael Daxner. In einer dort nachgedruckten Begrü&szligung der Erstsemester am 16. Oktober 1995 finden sich folgende Passagen: "Absolventinnen werden nur halb so häufig arbeitslos wie andere Menschen"; "Das Lebenseinkommen von Absolventinnen erreicht ungefähr zum 45. Lebensjahr das Niveau derer, die nicht studiert haben"; "Natürlich gibt es auch Akademikerinnen in schlecht bezahlten Positionen"; "Kulturell sind Sie schon im Studium und nicht erst als Absolventinnen privilegiert"; "Sie finden Partnerinnen für kritische Gedanken und Meinungsaustausch auf kleinstem Raum konzentriert"; "Wer als Lehrerin arbeitet, kann den Einfluß dieses Privilegs recht deutlich erleben".

Wer hier Druckfehler, Verlagsirrtümer, Mi&szligverständnisse vermutet, sei versichert: Dies ist kein Versehen, sondern Strategie. Der radikale Feminismus hat beim Marsch durch die Sprachinstitutionen sein erstes Etappenziel erreicht: die Anarchie. Dabei wurde und wird eine Geheimwaffe eingesetzt, eine Guerillataktik, die sich als unwiderstehlich erweist: das Binnen-I.

Selbstverständlich meinte ja der Universitätspräsident AbsolventInnen und AkademikerInnen und PartnerInnen. Nun lä&szligt sich aber das Binnen-I sprachlich nicht hörbar machen. Oder, besser, aus radikalfeministischer Kampfhaltung heraus argumentiert: Sobald das Binnen-I ausgesprochen wird, gewinnt es seine wahre weibliche Natur zurück. AkademikerInnen und AbsolventInnen sind - gesprochen - Akademikerinnen und Absolventinnen, was sonst?

Übermächtig ist das Instrument des Binnen-I also schon deshalb, weil seine Anwender unweigerlich zugleich seine Opfer werden. Denn vom mündlichen Vortrag ist es nur ein Katzensprung zurück aufs Papier. Ein Hörfehler, ein unaufmerksamer Lektor, viel mehr ist nicht nötig, um der unaufhaltsamen Feminisierung der Sprache Bahn zu brechen.

Natürlich wurden inzwischen jede Menge männliche Abwehrstrategien ersonnen, um die Schlagkraft des Binnen-I zu schwächen. So etwas wie verdrängte Kastrationsängste vor dem gekappten Binnen-I und seinen Folgen, eben der grenzenlosen Feminisierung von Sprache, scheinen dabei im Spiel. Um nicht von StudentInnen sprechen (und schreiben) zu müssen, werden Sprache und Schrift nunmehr von Studierenden heimgesucht.

Texte werden fast bis aufs Doppelte ihres natürlichen Umfangs aufgebläht durch politisch korrektes Aufzählen der beteiligten Geschlechter: Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Lehrerinnen und Lehrer. Wer dieser sprachlichen Tortur seinen Aufsatz oder Vortrag nicht unterwerfen will, flieht entweder in neutrale Konstrukte wie "Lehrkörper", "Schülerschaft", "Professorenzunft" - oder kehrt reumütig zurück zum gro&szligen I.