Bar Elias - Die libanesische Ortschaft Bar Elias liegt direkt an der syrischen Grenze. Schweigend fährt der kurdische Fahrer aus Beirut den Besucher durch die Bekaa-Ebene zum Gespräch mit dem Chef der PKK.

Der 47jährige Abdullah Öcalan empfängt ausländische Journalisten in einem unscheinbaren Haus inmitten eines kleinbürgerlichen Wohnviertels des Grenzortes. Zwar lebt Öcalan seit 1979 in Damaskus, doch der syrische Geheimdienst zwingt die kurdische Arbeiterpartei zur Diskretion: Das Image der Syrer ist wegen der Unterstützung der Hizbullah im Westen schon schlecht genug. Offiziell hat man also nichts miteinander zu tun. Tatsächlich aber hält die syrische Führung schützende Hände über den PKK-Chef. Er dient ihr als Druckmittel gegenüber der Türkei. Ankara hat durch den Bau von Staudämmen den Wasserzufluß des Euphrat nach Syrien erheblich reduziert. Die Antwort der Syrer: Solange die Türken mit uns nicht über Wasser verhandeln, unterstützen wir die PKK.

Fast beiläufig begrü&szligt den Gast Abdullah Öcalan, während er im Flur mit Leibwächtern und Mitarbeitern den weiteren Verlauf des Abends bespricht. Der erste Eindruck ist keineswegs der eines charismatischen Führers. Würde Öcalan nicht einen olivgrünen Armeepullover tragen, wie in diesem Teil der Welt unter Revolutionären üblich, so könnte man ihn auch für den Hausmeister halten. Gegen ein solches Mi&szligverständnis schützt freilich die kultische Verehrung, mit der ihm seine Gehilfen begegnen.

Wir nehmen Platz an einem Ölofen, im Fernsehen läuft ein CNN-Bericht über die Türkei. Neben dem Satellitentelephon steht eine kleine Lenin-Büste. Öcalan redet Türkisch, ein Mitarbeiter dolmetscht ins Deutsche. Je länger das Gespräch dauert, um so versöhnlicher gibt sich der PKK-Chef. Die harten Drohungen mit Selbstmordattentaten und einer Intensivierung der Gewalt in Deutschland wie der Türkei weichen einer gewissen Nachdenklichkeit, die nicht inszeniert zu sein scheint. Öcalan will dem Eindruck entgegenwirken, ein "Revolutionär" zu sein, den allein die Lust am Terror umtreibt. Gro&szligen Wert legt er auf die politischen Ziele, die er verfolgt - seine Mission: so schnell wie möglich die türkische Unterdrückung der Kurden zu beenden. Dafür sucht er Gesprächspartner unter deutschen wie unter türkischen Politikern. Im Gespräch lä&szligt Öcalan eine deutliche Positionskorrektur erkennen: Es gehe ihm nicht mehr um den gemeinsamen gro&szligkurdischen Staat, zusammengesetzt aus den Kurdengebieten der Türkei, Irans und Iraks. Vielmehr wollten die Kurden "föderalistische Lösungen" in ihren jeweiligen Staaten. Die Umschreibung ist gewollt ungenau. Aber so weit, immerhin, legt sich der PKK-Chef fest: "Separatismus liegt nicht im Interesse der Kurden."

Ähnlich wie früher für PLO-Chef Arafat ist für Abdullah Öcalan Gewalt - oder die Gewaltandrohung - ein Mittel zum Zweck, um sich und die PKK aufzuwerten. Insofern erscheint die Bonner Strategie, die im November 1993 ohnehin verbotene PKK nach den jüngsten Krawallen noch weiter auszugrenzen und Kurden in Deutschland verstärkt unter Druck zu setzen, dazu angetan, den Konflikt zu verschärfen. Sie steigert die Bereitschaft zum "Martyrium", also zum Selbstmordattentat. Und Berichte über Morddrohungen gegen deutsche Spitzenpolitiker sind ein Indiz für steigende Gewaltbereitschaft der PKK.

Früher verglich Öcalan sich gern mit Nietzsche oder Stalin. Heute streicht er mehr den Pragmatiker heraus. Es unterliegt keinem Zweifel, daß er heute Monopolist der "kurdischen Sache" ist, in Deutschland wie in der Türkei. Dafür sorgt die Regierung in Ankara. Indem sie kurdische Parteien - ungeachtet aller Bekenntnisse zur Gewaltfreiheit - verbietet und jedweden kurdischen Nationalismus brutal unterdrückt, schafft sie ein Vakuum, das seit den achtziger Jahren von der straff geführten PKK gefüllt wird.

In gewisser Weise ist die PKK eine "moderne" Partei. Als einzige politische Kraft überwindet sie die traditionellen Clan- und Stammesstrukturen unter den Kurden, schafft es aber bislang nicht, überholten Vorstellungen von Loyalität abzuschwören: Die ehemals absolute Macht des Aga, des lokalen Gro&szliggrundbesitzers, hat sie ersetzt durch die absolute Macht des Führers Öcalan. Opposition gilt in seinem Herrschaftsbereich als Verrat. Sie wird mit Ausgrenzung bestraft und manchmal mit Liquidierung.