Die Kameras weiden sich maliziös, schweifen über das Gesicht des Parteivorsitzenden. Im Blitzlichtgewitter sitzt er da. Unten im Saal wartet die Menge; Millionen Menschen vor dem Fernseher schauen hin, sehen ihn, sein verdutztes Gesicht.

Vor dem Fernsehschirm zucken die Mundwinkel. Der Scharping! Was macht er jetzt? Guck mal, er steht auf! Steifnackig erhebt er sich nun, tritt schwerfällig ans Rednerpult und dankt mit artig gespielter Naivität seinen abtrünnigen Parteifreunden für ihre Unterstützung. Als der Mann sich schlie&szliglich beklagt, wie weh ihm das alles getan habe, erreicht die Stimmung ihren Höhepunkt.

Wann hat sich der Fernsehfreund das letzte Mal über Politik so gut amüsiert? Es scheint, als sei die grö&szligte Freude an der Politik tatsächlich die Schadenfreude. Stehen wir nach hundert Jahren moralischer Aufklärung mittels Satire, nach Karl Kraus, Kurt Tucholsky, Wolfgang Neuss, Hans Dieter Hüsch und Dieter Hildebrandt, wieder am Anfang?

Am Anfang, am 4. April 1896, gründete der Jungverleger Albert Langen in München Deutschlands bekannteste karikaturistisch-literarische Zeitschrift. Es war die Gu&szligeisenzeit der Satire, die Zeit der Unsittengemälde, des französischen Charivari und Englands Punch. Als erste deutsche Zeitung von Format hob sich Langens Simplicissimus spöttisch aus dem Kladderadatsch der Fliegenden Blätter hervor und karikierte programmatisch die Politik seiner Zeit; gezeichnet von hochtalentierten Mitarbeitern wie Thomas Theodor Heine, Olaf Gulbransson, Ferdinand von Reznicek, Eduard Thöny und Karl Arnold.

Doch wird aus heutiger Sicht die politische Bedeutung des Simpl, wie das Blatt allgemein genannt wurde, leicht überschätzt. Eine Auflage von maximal 85 000 Exemplaren war auch im Kaiserreich nicht viel, und die prophetischen Irrtümer des selbsternannten Kampfblattes waren beträchtlich. Im nachhinein erscheinen uns gerade Nationalismus und Anpassung als dominante Züge: der Fehltritt bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges, als der Ablacherchor der Ahnungslosen in Reih und Glied mitmarschierte und das Periodikum hurrapatriotisch mitgrölte. Und das Fiasko im "Dritten Reich", dessen Führer man bis zuletzt satirisch unterschätzte, spricht aus mehr als 500 Heften. Der Simpl hatte seine Schuldigkeit getan, der Simpl hätte gehen müssen. Er blieb und verlor die Zähne und Gewissen. Wie Julius Streicher, die Hundepeitsche vor sich auf dem Tisch, die rote Bulldogge, das Haussymbol angeblicher Bissigkeit, zum Scho&szlighund erniedrigte - dazu fehlt heute die Karikatur. 1944 endlich verstarb der Treppenterrier des Braunen Hauses weniger an geistiger als vielmehr an materieller Unterernährung. Der allgemeine Papiermangel setzte der Anbiederung ein Ende.

Grund für das historische Versagen des Simplicissimus war sein naives Feindbild, Ursache und Folge seiner Ohnmacht. Eine Bulldogge, die bei&szligt, statt zu bellen, sucht sich andere Opfer als "Dummheit, Misanthropie, Prüderie und Frömmelei" - die billigen zeitlosen Blödigkeitsmuster. Wer identifizierte sich schon damit? Dumm sind immer die anderen. Die Pappkameraden aus der Schreckenskammer der preu&szligischen Provinz, die chauvinistischen Militärs, scheinheiligen Pfaffen, versoffenen Korpsstudenten und junkerlichen Gro&szlig-Elbier - sie amüsierten sich nur selbst am kleinbürgerlichen Spaß der Münchner Zeichnergilde.

Satire lebt von der Personifizierung, früher wie heute. Doch daß Charaktere Geschichte machen - schon zu Zeiten des Simplicissimus war dies nicht besonders richtig, und mittlerweile ist es ziemlich falsch. Merkwürdig fremd erscheinen uns die ständisch schablonisierten Witze. Wo sind noch die Milieus, die aufeinandertreffen, die gro&szligen ideologischen Auseinandersetzungen? Die Mächtigen entziehen sich der Typisierbarkeit, sie haben keine Physiognomien mehr. Der Gro&szliggrundbesitzer hat kein Gesicht, der liebenswürdige Funktionär keine Statur, Student und Studentin keine Couleur. In was unterscheidet sich der Vertreter des Gewerkschaftsbundes von jenem des Arbeitgeberverbandes am Tisch gegenüber? Ist denn der dicke Kapitalist mit Zigarre und Melone, der in der Barrikaden- und Klassenkampf-Rhetorik streiklustiger Gewerkschaftsblätter sein autoritäres Unwesen treibt, tatsächlich ein brauchbarer Watschenmann für die Widrigkeiten des kapitalistischen Produktionsprozesses?