Michael Steiner verabscheut es, Zeit zu verlieren. Tief eingeprägt hat sich ihm die Dreiviertelstunde, die er neulich in Westmostar auf einer Sitzung des Föderationskabinetts verbringen mußte: Dort hing nur die kroatische Flagge, die bosnjakische mußte erst herangeschafft werden. Ohne Banner wollten die Parteien nicht verhandeln - also mußten die hochmögenden Herren der Ankunft der Flagge harren.

Steiner benötigte drei Wochen, um Kroaten und Muslime auf gemeinsame Symbole zu verpflichten. Das hatten sie seit Gründung der Föderation vor zwei Jahren nicht geschafft. Im Laufschritt kehrt Steiner von der Sitzung mit den Präsidenten in sein Büro zurück. "Das sind sie", er blättert ungeduldig im Ordner, "da, die Flagge, das Wappen." Nur kurz betrachtet er die Skizzen. Schon am nächsten Morgen soll alles der Presse vorgestellt werden. Das will vorbereitet sein, schnell. Irgendwie geht alles zu langsam.

Michael Steiner ist der behandelnde Arzt der siechen Föderation von Muslimen und Kroaten. Offiziell nennt er sich Stellvertretender Hoher Repräsentant für die zivile Umsetzung des Abkommens von Dayton. Sein Vorgesetzter, Carl Bildt, schaut gelegentlich vorbei und wirbt sonst um Geld für Bosnien bei den Reichen der Welt.

Steiner besorgt in Sarajevo den reichlichen Rest: Austausch der Kriegsgefangenen, Vorbereitung der Wahlen. Und natürlich ist er ständig mit dem Ohr am Herzen der Föderation - schlägt es noch?

Der 46jährige Jurist, in München und Paris ausgebildet, muß seit 1989 immer neue Krisensituationen meistern. Im Wendejahr war er in Prag, als Tausende aus der DDR im Garten der deutschen Botschaft Zuflucht suchten. Sein organisatorisches Talent wurde im Auswärtigen Amt schnell erkannt. 1991 ging er als Leiter des Büros für Deutsche Humanitäre Hilfe nach Zagreb, 1994 wurde er das deutsche Mitglied der Kontaktgruppe für Bosnien, seit Dezember sitzt er in Sarajevo.

Der Junggeselle kennt kein Wochenende, er schont weder sich noch seine Mitarbeiter.

Die Arbeit verlangt ihm nicht nur Sitzfleisch an Verhandlungstischen ab. Vor zwei Wochen pokerte er: Die Muslime und die bosnischen Serben hatten jeweils einen Journalisten der Gegenseite verhaftet.