PARIS. - Es ist mir unverständlich, wie ein Kollege, der an der berühmten Universität Cambridge lehrt - Beitrag von Marc Weller, "Tribüne", ZEIT Nr. 13/1996 - eine intellektuell so unsolide Betrachtung zum Thema "Soldaten sind Mörder" anstellen konnte. Mörder begehen Verbrechen. Sie verstoßen damit gegen das Gesetz. Mörder können sich zu Gruppen zusammentun, aber ihre Aktionen, die sowohl moralisch wie juristisch verurteilungswürdig sind, haben nichts mit dem zu tun, was Soldaten im Dienste der Verteidigung ihres Landes und ihres Volkes leisten.

Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um Wehrpflichtige - die Wehrpflicht ist ja traditionell eng mit der Existenz und der Verteidigung der Demokratie verbunden (die Levée en masse wurde von den Verantwortlichen der Französischen Revolution gegen die "Armee der Tyrannen" proklamiert) - oder um Freiwillige handelt, die in den Dienst für Staat und Volk von legitimen Regierungen eingesetzt werden.

Die Erlaubnis, Soldaten kollektiv als Mörder zu bezeichnen, überdehnt das Recht auf freie Meinungsäußerung: Denn wie soll ein einzelner Soldat beweisen, daß er nicht zu der kollektiv verurteilten Kategorie gehört, also zwar Mitglied einer Mörderbande, aber individuell kein Mörder ist? Eine solche Auslegung der Verfassung durch ein höchstes Gericht muß das Vertrauen in Recht und öffentliche Ordnung tief erschüttern.

Ich nehme nicht an, daß der Kollege aus Cambridge einverstanden wäre, würde man die amerikanischen und britischen Soldaten, die Europa vom Hitlerismus befreit haben, als Mörder bezeichnen. Als Mitglied der Forces françaises libres und verschiedener Bewegungen der Résistance verbäte ich es mir energisch, als Mörder bezeichnet zu werden.

Ich halte es für richtig, solche Behauptungen unter Strafe zu stellen. Den "Mördern" des Zweiten Weltkriegs auf der Seite der freien Welt verdankt es Marc Weller, daß er an einer freien englischen Universität lehren kann.

Daß der Autor in keiner Weise auf die traditionelle Unterscheidung zwischen gerechten und ungerechten Kriegen hinweist (ich kann wohl kaum annehmen, daß er jemanden, der in Notwehr einen Angreifer tötet, als Mörder bezeichnen lassen würde), finde ich unverständlich.

Nicht einmal Soldaten, die unter physischem und moralischem Zwang einem tyrannischen System mit der Waffe in der Hand gedient haben, dürfen als Mörder bezeichnet werden, solange keine individuelle Schuld nachgewiesen ist. Selbst der Nürnberger Gerichtshof hat die einfachen Mitglieder der hitlerischen Wehrmacht nicht als Mörder verurteilt.