An einem naßkalt-diesigen Oktoberabend 1964 bestiegen sechs jüngere Historiker und zwei Journalisten einen Ost-Berliner Kleinbus, der in einer dunklen Nebenstraße, nahe der Freien Universität hielt. Dort hatte gerade eine Podiumsdiskussion des westdeutschen Historikertages begonnen. Die Gruppe wurde an die Mauer chauffiert und von Grenzpolizisten durchgewunken. Rasch ging es zur Akademie der Wissenschaften. Dort wurden die heimlichen Grenzgänger bereits erwartet - von Kollegen des DDR-Instituts für Geschichte. Man wollte gemeinsam über die Kontinuität der deutschen Kriegsziele im Ersten und Zweiten Weltkrieg diskutieren.

Für die Geheimhaltung gab es Gründe: Seit Jahren hatten die Historikerverbände beider deutschen Staaten keinen offiziellen Kontakt mehr. Die letzten Nichtmarxisten an den historischen Fakultäten in der DDR hatten längst ihren Lehrstuhl verloren, und seit dem Mauerbau 1961 blieben den Historikern auch die Archive der jeweils anderen Seite weitgehend versperrt. Die ehedem gemeinsame deutsche Geschichte war zu einem Frontabschnitt des Kalten Krieges geworden - wechselseitig sprach man sich die Fähigkeit zu wissenschaftlicher Erkenntnis ab.

Das diskrete Treffen hätte eine Sensation bedeutet, wäre es bekanntgeworden.

Denn jeder der sechs westdeutschen Nachwuchshistoriker, die im Oktober 1964 einer Führungsriege der DDR-Historiographie gegenübersaßen, zählte zu den Hoffnungsträgern eines neuen historischen Denkens in der Bundesrepublik: Martin Broszat, Hermann Graml, Hans Mommsen, Hans-Adolf Jacobsen, Jürgen Rohwer, Wolfgang Schieder.

Einige Historiker am Ost-Berliner Akademie-Institut für Geschichte sahen die Chance zur Wiederaufnahme des Dialogs gekommen. Sie hofften, das Korsett der Bevormundung lockern zu können, das die Einheitspartei um die Forschungen zur Geschichte des Imperialismus und der beiden Weltkriege gelegt hatte. Denn gerade auf diesem Gebiet war die westdeutsche Historiographie seit dem Erscheinen von Fritz Fischers "Griff nach der Weltmacht" 1961 in heftige Bewegung geraten. Fischer hatte Deutschland die Hauptschuld am Kriegsausbruch 1914 gegeben und die Eroberungspläne der herrschenden Eliten enthüllt. In der konservativen Zunft machte er sich dadurch zum Außenseiter. In der DDR hingegen deutete man sein Werk als Annäherung an eigene Vorstellungen vom deutschen Imperialismus.

Zu den Wortführern eines Neuen Kurses gehörte Fritz Klein. Er war 1956 im Zusammenhang mit der Verhaftung von Wolfgang Harich und Walter Janka als Chefredakteur der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft abgelöst, zeitweilig mit Publikationsverbot belegt und an das Geschichtsinstitut der Akademie geschickt worden, wo er bald eine Forschungsabteilung zur Geschichte des Ersten Weltkriegs aufbaute.

Den Dialog mit dem Westen stellte er sich eher undogmatisch vor.