Kein Wochenende, an dem nicht Politiker, Unternehmer oder Wissenschaftler am Sozialstaat rütteln. Einmal sind die Rentner betroffen, dann die Arbeitslosen, das nächste Mal die Kranken, die Pflegebedürftigen oder die Sozialhilfeempfänger. Der deutsche Sozialstaat, daran gibt es keinen Zweifel, wird weiter abgebaut. Seine Hoch-Zeit ist vorbei.

Viel zu lange schon, so die immer größer werdende Schar seiner Kritiker, waren die Sozialsysteme eine Hängematte, in der sich so mancher bequem eingerichtet hatte. Und wer wagt es schon, dem zu widersprechen - angesichts einer Billion Mark, die Steuer- und Beitragszahler mittlerweile im Jahr für die soziale Sicherung aufbringen. Der globale Wettbewerb und die leeren Haushaltskassen, die lahmende Konjunktur und die hohen Arbeitslosenzahlen (Ende März knapp 4,15 Millionen) erlauben die Wohlfahrt bundesdeutschen Zuschnitts nicht mehr, so die ständig wiederholte Warnung.

Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Gewerkschaften, traditionell Verteidiger sozialer Errungenschaften, beugen sich notgedrungen dem Zwang der Verhältnisse. Arbeitnehmer begnügen sich mit niedrigen Lohnabschlüssen und geringeren tariflichen Leistungen. Ihre Vertreter sind bereit, nicht nur bei der Sanierung der Rentenkassen mitzuwirken.

Sogar über Abstriche bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wollen zumindest einige von ihnen jetzt mit sich reden lassen.

Überstunden, so das Signal, könnten bei der Berechnung der Lohnfortzahlung künftig außen vor bleiben. Steht dem Kranken nur noch der normale Lohn zu, dürften die Unternehmer allein in Bayern 1,3 Milliarden Mark sparen, rechnete der Münchner DGB-Chef Fritz Schösser vor.

Tabu bleiben freilich die Karenztage, mit denen Firmenchefs Faulenzern das Handwerk legen wollen. Um sie zu verhindern, droht IG-Metall-Chef Klaus Zwickel sogar mit sozialen Konflikten, "wie sie diese Republik seit langem nicht mehr erlebt hat".

So weit muß es nicht kommen. Die Kosten durch Fehlzeiten der Mitarbeiter - nach Angaben der Arbeitgeber rund siebzig Milliarden Mark pro Jahr - lassen sich auch anders senken. Viele Firmen machen längst vor, wie es gelingen kann, den Krankenstand drastisch zu senken: durch flexiblere Arbeitszeiten und Mitarbeitergespräche. Auch mit Arbeitszeitkonten, wie sie der Kieler Ökonom Harmen Lehment vorschlägt, läßt sich das Problem mindern. Die Idee: Eine vereinbarte Menge von Fehlzeiten wird innerhalb eines bestimmten Zeitraums mit Mehrarbeit verrechnet.