Unter den Neuerscheinungen deutscher Verlage gilt es ein Werk an vorderster Stelle zu nennen, das mehr über die Befindlichkeit der Deutschen aussagt als ein ganzer Jahrgang Belletristik, ein Opus magnum, ein Buch, das sich wie kein anderes mit den Folgen der Wiedervereinigung befaßt und dessen Autoren, sei es aus Bescheidenheit, sei es auch, um dem "Literarischen Quartett" nicht die Chance einer öffentlichen Hinrichtung zu geben, im dunkeln bleiben.

Der etwas prosaische Titel "Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1995" führt die Literaturkritik in die Irre, denn hier liegt nicht nur ein Werk vor, das sich mit seinen 794 Seiten allein vom Umfang her "Ein weites Feld" nennen dürfte; wie beim neuen Grass bezieht das Autorenkollektiv nicht die Position des allwissenden Erzählers, die Arbeitsweise erinnert an das "Wir vom Archiv". Aber wir können nicht übersehen, daß eine spröde, geradezu lakonisch kühle Prosa den Lesegenuß erschwert. Die Autoren verzichten konsequent auf epischen Erzählfluß, das Bild des vereinigten Deutschlands formt sich nicht aus einzelnen Charakteren, sondern gewissermaßen aus ganzheitlicher Sicht.

So lassen die Autoren nicht weniger als sage und schreibe 81 538 603 Figuren auftreten, alle Deutschen miteinander, und aus der beeindruckenden Fülle der Fakten schält sich das Bild des/der Durchschnittsdeutschen, eines Stadtmenschen von 41 Jahren. Wir begegnen einer androgynen Persönlichkeit, bei der das Weibliche überwiegt, und die Tatsache, daß von diesem Menschen jeweils 2,2 Exemplare in einem Haushalt leben, macht uns staunen über das bisher kaum bekannte Phänomen des Fünftelkindes. Mit der Feststellung: "Eine Null ist mehr als nichts" führt uns das Werk in philosophische Gedankentiefe.

Nur schwer kann sich der Leser der archaischen Poesie der Landschaftsbeschreibungen entziehen, etwa wenn mit Säuling, Köterberg und Kickelhahn die Bergwelt ins Spiel kommt oder der neun Meter tiefe Scharmützelsee.

Der immer wiederkehrende Schauplatz Brandenburg läßt an Fontane denken, allerdings interessieren die Autoren weniger die Wanderungen durch als vielmehr die nach Brandenburg und wieder hinaus, was übrigens viel häufiger vorkommt: 24 152 Deutsche haben im vergangenen Jahr Brandenburg verlassen.

Wir erfahren, daß der oder die namenlose Durchschnittsdeutsche, nennen wir sie Norma, in einem dichtbesiedelten Land immer noch eine Grundfläche von rund 4400 Quadratmetern zur Verfügung hat, davon fast 1300 Quadratmeter Wald, 95 Quadratmeter Wasser und 14 für den Anbau von Kohl und Runkelrüben. Und wenn die Nordsee nicht zu sehr daran knabbert, gehört Norma immer noch ein guter Quadratmeter Sylt. Wir staunen darüber, daß in Hamburg 4000 Schweine leben, doppelt so viele wie in Berlin, aber leider teilen die Autoren nichts über persönliche Erfahrungen mit. Das große Thema Liebe wird in Formulierungen wie "Heiratsziffern Lediger", Familiendramen werden mit Begriffen wie "Vaterschaftsfeststellung" abgefertigt; diese postmoderne Kühle enttäuscht.

Doch Norma, das ist das Faszinierende an ihr, begegnet uns nicht nur hier, sie begegnet uns allerorten. Sie taucht in unendlich vielen Statistiken, Zeitschriften und Büchern auf. Wir treffen sie im "Datenreport 94", im "Jahrbuch der Bundesrepublik Deutschland" und in der Neuen Revue, in der Marketingstudie AWA und in der Bild-Zeitung. Sie wächst wie Venus, die Schaumgeborene, aus einer Ursuppe von Umfragen und Analysen. Nackt steht sie vor uns, umspült von einem Faktensee, der sich aus vielen hundert Quellen speist.