HAMBURG. - Die Kriminalstatistik läßt keinen Zweifel: Die Vollmondnacht ist extrem gefährlich. Wenn der Erdtrabant in voller Pracht am Firmament leuchtet, verliert so mancher den Verstand, schlafwandelt, fängt wolfsgleich an zu heulen oder legt gar Hand an seinen Nächsten.

Lunatismus, wie es die Mediziner nennen, gilt nach wie vor als unheilbar, in manchen Fällen sogar als ansteckend. Trotzdem verweigern Krankenkassen und Politiker hartnäckig jede Hilfe. In Hamburg unterziehen sich an jedem Mondtag betroffene Lunatiker seit einiger Zeit einer Therapie der außergewöhnlichen Art - mit Erfolg.

Der Mond ist aufgegangen - während einst der Wandsbeker Bote Matthias Claudius seine Mondsucht mit Verseschmieden bekämpfte, wird heute im weit weniger prosaischen Schanzenviertel die Lage am Himmel über Hamburg ganz anders besungen: Gut zwei Dutzend Musikanten treffen sich jeden Monat in der Roten Flora und musizie-ren als Hamburger Vollmondorchester zu Ehren des stellaren Machtwechsels.

Seit dem 20. April 1988 oder, besser gesagt, seit 96 Monden bittet Wolfgang Schubert zur "Full Moon Session". Schubert ist selbst "leidender Vollmondneurotiker", außerdem studierter Holzbläser und im richtigen Leben ein ganz normaler Profistudiomusiker. Nur bei ungünstigen Mondbewegungen mutiert er zum mastermind des Vollmondorchesters.

"Als ich 1988 von Köln nach Hamburg kam, wollte ich unbedingt schnell Kontakt hier zur Szene bekommen und dachte: Gründe nicht die x-te weitere Band, sondern mach' was Besonderes." Was in kleinen Clubs wie dem Westwerk und mit einer Handvoll unentwegter Mitspieler begann, ist heute ein Fixstern am Hamburger Musikhimmel: "Das Vollmondorchester ist eine Gelegenheit, ein Forum, kein Muß. Wer kann, kommt, oder kommt beim nächsten Mond. Und die Auftrittstermine kann man ja nicht so leicht vergessen."

Ob Gesangsstudent, Symphoniker oder genialer Dilettant - bei den Jam Sessions ist nicht nur jeder willkommen, die Mitglieder des Orchesters kommen tatsächlich von überall. Unübertroffen, so heißt es, sei die "lunare Dynamik" der Vollmondnächte. Hagen Kuhr, Cellist beim Jazzstreichquartett String Thing, ist seit zwei Jahren dabei.

Beim Vollmondorchester kann er andere Saiten aufziehen als im Studio oder bei Auftritten. "Vom Hippie bis zum NDR-Jazz-Redakteur, alle sind hier. Keine Zwänge, keine Konventionen - für mich ist das hier der Inbegriff von lebendiger Subkultur." Auch den "Oldies" und Free Jazzern wie Posaunist Klaus Erler fährt beim Vollmond der groove in die Glieder. "Ich bin im Hauptberuf Maler und Graphiker.