KÖLN. - Der Kardinal rief um Hilfe: "Die grauenvolle Hungersnot, in welche die Millionen zählende Bevölkerung meiner Erzdiözese an Rhein und Ruhr durch die allgemeine Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag grauenvoller hineingestoßen wird, zwingt mich, diesen Rettungsruf an die Katholiken des Auslandes zu richten ... Sendet uns vor allem Lebensmittel für unsere vielen Großstädte und Industriezentren und helfet auch, je kälter es in den nächsten Wochen wird, mit Kleidung und Kohlen."

Das war vor über siebzig Jahren, 1923. Das Nachkriegsdeutschland erlebte Inflation und Arbeitslosigkeit. Französische Truppen hatten die Industrie des Ruhrgebiets lahmgelegt und das Rheinland besetzt, um ausbleibende Reparationszahlungen zu erzwingen. Als die Franzosen Lebensmitteltransporte blockierten, um den Widerstand zu brechen, traf es besonders kinderreiche Familien und Alte, die zu verhungern und zu erfrieren drohten.

Bischöfe aller Diözesen, die Handelskammer in Düsseldorf und Gewerkschaften unterschrieben damals den Aufruf des Kölner Kardinals Schulte.

Und er fand Gehör. Sogar die Bewohner eines Dorfes namens Tirol, mitten im brasilianischen Urwald, 500 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro, hörten vom Elend der Deutschen und handelten sofort.

Die österreichischen Einwanderer hatten dort seit dem 19. Jahrhundert ein Vermögen mit Kaffeeanbau gemacht. Ihre Handelsbeziehungen reichten bis nach Hamburg. Von der Not der Menschen in Deutschland berührt, spendeten die reichen Plantagenbesitzer, auch die Kirchengemeinde steuerte etwas bei. Schon wenige Wochen nach dem Aufruf des Kardinals kam eine erste größere Überweisung durch die Deutsch-Südamerikanische Bank ins Rheinland. Diese Spenden retteten Menschenleben. Allein 200 Goldmark erhielten 140 Kinder eines Heims in Aachen.

Umgehend bedankte sich der Kardinal in einem Brief stellvertretend für alle, die von dieser Hilfe profitiert hatten. Und er mahnte öffentlich: "Mit einer Dankesschuld von unermeßlichem Gewichte belastet uns aber vor allem die uns gewordene Hilfe. Auf viele Jahre hinaus wird es eine unserer vornehmsten Pflichten sein müssen, diese Dankesschuld in etwa abzutragen und Gutes mit Gutem zu vergelten."

Jetzt brauchen die Helfer von einst Hilfe. Die Kaffeepreise fielen, und die Tiroler gerieten mehr und mehr in Armut und Isolation.