Über den Wolken war die Klassengesellschaft bisher noch intakt: Im hinteren Teil der Kabine drängten sich auf Fernflügen Urlauber, Privatreisende und Globetrotter, die ihre Tickets oft bei den Reisebüros zu Schnäppchenpreisen erstanden hatten. New York für 500, Sydney für 1500 Mark - an den Verfall der Tarife für die billigen Plätze hat sich jeder gewöhnt. Doch irgendwo vorn in der Kabine verläuft ein Vorhang mit der dezenten Aufschrift "Business class passengers only" - die Trennlinie zwischen Plastikbecher und Kristallglas, Kaviar und Hähnchenkeule. Die Zeiten, wo Fluggesellschaften in der Economyklasse Geld verdienen konnten, sind, bedingt durch den harten Wettbewerb, auf den meisten Strecken lange vorbei.

So bedienten sie sich einer Mischkalkulation: Die Einnahmen, die hinten durch Billigtarife verlorengingen, wurden vorn durch vollzahlende Geschäftsreisende wieder hereingeholt. Ging dieses Konzept einmal nicht auf, stellte man die Strecke ein, wie es etwa American Airlines mit ihrer München-Route tat: Zu viele Urlauber, zu wenige Geschäftsleute flogen zwischen den USA und der bayerischen Metropole.

Doch jetzt geraten alte Gewohnheiten ins Wanken: Der Konkurrenzkampf unter den Fluggesellschaften ist so hart geworden, die Überkapazitäten auf manchen Routen so groß, daß die Business class sich zum Schauplatz harter Preiskämpfe entwickelt hat. Angebote für Flüge im Geschäftsreiseabteil nach Sydney mit Qantas für 3880 Mark (Normaltarif 8858 Mark), Tokio bei Air India für 3686 Mark (normal 8992) oder Hongkong mit Royal Brunei für 3122 Mark (anstatt offiziell 7110) hält heute jeder Ticket-Großhändler bereit. Und die Schnäppchen sind inzwischen auch für Geschäftsreisende nutzbar: Alle diese Graumarktofferten bieten volle Flexibilität bei Umbuchungen und sind sogar ohne Abzüge erstattungsfähig. Einzige Einschränkung gegenüber einem Normalticket: Es gibt kein Interlining - der Passagier ist an die Airline gebunden, bei der er gebucht hat.

Die Airlines selbst dürfen sich nicht so dicht an die Preisfront wagen, sondern müssen sich sogenannter Consolidators wie Aeroworld in Hamburg oder Travel Overland in München bedienen, die große Kontingente bei den Airlines einkaufen und dafür entsprechend günstige Preise aushandeln. Das Bundesverkehrsministerium (BMV) muß immer noch Tarifänderungen bei Flügen in Staaten außerhalb der EU genehmigen, mit denen bilaterale Luftverkehrsabkommen bestehen (innerhalb der EU herrscht seit 1993 fast völlige Freiheit bei Preisen und Kapazitäten). In der Preisspalte auch eines billigen Business-Tickets muß dabei der offizielle IATA-Preis genannt sein.

Doch nicht alle Fluggesellschaften halten sich daran. "Wir verkaufen tatsächlich zu einem sehr viel niedrigeren Preis", sagt Jörg Wilsdorf von Turkish Airlines (THY). Die Türken gehören zu den Ausnahmen, da sie selbst ihre tatsächlichen Business-Preise nennen und anbieten, zum Beispiel über Istanbul nach Singapur (rund 2000 anstatt über 6200 Mark) oder in viele GUS-Staaten. Richtung Osten machen diese Verbindungen auch Sinn, da von den meisten größeren Flughäfen in Deutschland direkte Anschlüsse bestehen. Mit den Billigpreisen will Turkish Airlines um neue Kunden werben: "Wir haben in unseren modernen Flugzeugen ein hervorragendes Business-class-Produkt, aber trotzdem ein Imageproblem am Markt", erklärt Wilsdorf. "Der Konkurrenzdruck ist sehr stark, wir müssen durch Preisnachlässe unsere Business class besser auslasten."

Bei Turkish Airlines buchen vor allem preisbewußte Geschäftsreisende kleinerer Firmen, die sich von einer Umsteigeverbindung nicht abschrecken lassen. Anderswo sind es anspruchsvolle Urlauber, die den Trend zum billigeren Fliegen in der vorderen Kabine eingeleitet haben. Sie sind bereit, für breitere Sitze und einen besseren Service auch einen bestimmten Preis zu bezahlen. Fluggesellschaften wie Canadian Airlines räumten zunächst den Reiseveranstaltern auf Nachfrage kontingentierte Rabatte in der Business class ein.

Natürlich wollten dann auch Geschäftsreisende vom Abwärtstrend der Preise profitieren und verlangten ebenfalls Nachlässe. "Die Airlines waren zunächst sehr zögerlich, ihre Business class anzugehen, in den letzten Jahren aber hat dort bei den Tarifen eine regelrechte Aufweichung stattgefunden", stellt Helmut Maibaum vom Hamburger Consolidator Aeroworld fest.