Am Tag des Ausbruchs der jüngsten Panik um BSE, die Rinderseuche, holte ich im landwirtschaftlichen Lagerhaus in Inverness eine Ladung Tierfutter ab. "Ein schöner Morgen für jeden, der keine Rinder im Stall hat", begrüßte ich den Lagermeister. "Warten Sie's nur ab", gab der zurück, "in ein paar Wochen sieht alles wieder ganz anders aus."

Inverness, die Hauptstadt des schottischen Hochlandes, liegt zwischen dem reichen Farmland der Black Isle und den fruchtbaren Niederungen an der Ostküste. Jeder kennt hier jeden, vom Hörndlbauern über die reichen Black-Isle-Farmer bis zum jungen Chalmers, der vorletzten Winter herumzog und Heuschober in Brand setzte. Jedes Jahr am ersten Donnerstag im August trifft man sich auf der Black-Isle-Show und führt stolz seine besten Rinder und Schafe und Pferde vor.

Alisdair Sutherland, ein Großbauer von der Ostküste, präsentiert dort seine schon oft preisgekrönte Milchkuhherde, "moderne", auf Spitzenleistung getrimmte Holsteiner. Ruth Leslie steuert einen alten Landrover von der Westküste mit ein oder zwei ihrer "altmodischen" Kerry-Kühe im Hänger über die Berge. Und kommt auch meistens mit einer Rosette nach Hause. Alisdair Sutherland hält über 300 Stück Vieh, Ruth Leslie kaum ein Dutzend. Der eine praktiziert auf seinem Hof routinemäßig Embryotransfer, die andere behandelt Infektionen lieber mit Knoblauch als mit Antibiotika. Doch beide haben eines gemein: Rinderwahnsinn gibt es bei ihnen nicht.

Dieser Tage ist es schwierig, überhaupt noch Höfe mit BSE ausfindig zu machen. Im gesamten schottischen Hochland gab es dieses Jahr bislang zwei Fälle, in ganz Schottland 40 und im gesamten Königreich 609. 1992, auf dem Höhepunkt der Epidemie, waren es 36 681 Erkrankungen.

Die Seuche ist, so sehen es die Menschen hier, so gut wie vorbei.

Alisdair Sutherlands Herde war nicht betroffen. Und das ist, obwohl 95 Prozent aller erkrankten Tiere Milchkühe sind und die Hälfte der britischen Milchherde aus Holsteinern besteht, nicht weiter überraschend. Die Rasse erwies sich als relativ resistent. Nur 1,66 Prozent der mad cows sind Holsteiner, der Großteil, 82,76 Prozent, Friesen und Friesenkreuzungen. Alte Traditionsrassen wie Aberdeen Angus, Galloway, Highland und Shorthorn, die ohnehin das beste Fleisch liefern, sind kaum betroffen. Von den Fleischrindrassen trugen nur die Herefords, und das auch nur in der Größenordnung der Holsteiner, zur Summe der bislang 158 698 auf der Insel diagnostizierten Fälle bei.

Nur die letzte Zahl steht in den Zeitungen. Die britischen Medien funktionieren immer mehr nach den ethologischen Gesetzen eines Wolfsrudels. Allesamt stürzen sie sich eine Woche auf Diana, in der nächsten auf Dunblane und wieder eine Woche später auf den Rinderwahn. Auch für respektable Blätter wie den Independent oder den Observer sind Desaster und Skandale die letzten Strohhalme in dem wüsten Meer des Infotainments. Da klotzt jeder härter als der Konkurrent. Und so wird Großbritannien innerhalb weniger Tage zur "Seucheninsel, isoliert in Europa und international verfemt".