Frankreich am 12. Dezember, dem Höhepunkt der Streikwelle: 200 000 Demonstranten auf den Pariser Straßen, 160 000 am alten Hafen von Marseille, 100 000 in Toulouse. Über zwei Millionen Franzosen protestierten an diesem Tag gegen die Pläne der bürgerlichen Regierung von Premierminister Alain Juppé, das Sozialsystem zu reformieren.

Die größte Protestbewegung seit Mai 1968 lähmte fast drei Wochen lang weite Teile des Landes.

Zwar konnte die Regierung mit der Reform der Krankenversicherung das Kernstück des Juppé-Planes retten. Doch die Dezemberstreiks haben gezeigt: Die Franzosen tun sich schwer damit, Korrekturen an ihrem Sozialsystem zu akzeptieren. Dabei bezweifelt kaum jemand, daß eine Anpassung dringend nötig ist. Das System ist zu teuer, die Kassen der Sozialversicherung sind leer, und der internationale Wettbewerb ist hart. "Es ist unmöglich, noch länger damit zu warten, ohne unsere Sozialversicherung zu gefährden", hatte Staatspräsident Jacques Chirac erkannt.

Dennoch, die Regierung geriet mit ihrem Re-formplan ins Kreuzfeuer der Kritik. Gewerk-schaften wie die reformorientierte Force Ouvrière und die den Kommunisten nahestehende CGT warfen der Regierung vor, die sozialen Errungenschaften der Franzosen für den Aufbau eines "ultraliberalen Europas" zu opfern. Dem Arbeitgeberverband CNPF hingegen gingen die Reformen noch immer nicht weit genug.

Dabei sind sich die Parteien schon seit Jahren darüber einig, daß Sozialsystem und Arbeitsmarkt in Frankreich grundlegend verändert werden müssen. Bereits 1983 begannen die Sozialisten, parallel zur konsequenten Inflationsbekämpfung die Lohnnebenkosten zu senken.

Die bürgerliche Mehrheit schaffte später Regelungen ab, die den französischen Arbeitsmarkt unflexibel gemacht hatten. So beschloß etwa Jacques Chirac 1987, damals noch als Premierminister, daß Unternehmen nicht länger staatliche Genehmigungen brauchten, wenn sie Mitarbeiter entlassen wollten.

Die Arbeitslosigkeit ist aber weiterhin Frankreichs Hauptproblem.