Promiskuität ist heute weitgehend erforscht. Bravo und die sexuelle Revolution haben ganze Aufklärungsarbeit geleistet. Die ganzen schönen eroliterarischen Entdeckungen des Arthur Schnitzler, die bourgeoisen Masken des Begehrens, die postkoitale Melancholie, Erektionsversagen und die Zigarette danach - alles schon in tausend illustrierten Fragebögen ausgefüllt. Welcher Reiz bleibt da noch fürs Theater?

Der Sprechreiz vielleicht, bei Werner Schwab organisch verbunden mit dem Brechreiz. Und mit der "Sprechspeicheldrüse", die in seinen Figuren wohnt wie eine sinnlose Leber. Der Dichter, das schleudert in Schwabs "Reizendem Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler" die Schauspielerin ihm frei Haus ins Gesicht, "fraglos eine Sprechblasenentzündung" ist er. "Du bist verloren", sagt sie, "deshalb darfst du mich noch ein bißchen ficken." Wenn das nur gutgeht!

Es ist nun auch schon wieder 99,5 Jahre her, daß Arthur Schnitzler seinen "Reigen" verfaßte. Sein Siècle war gerade mal so am Ende wie das unsere, und mit der bürgerlichen Moral stand es nicht zum besten. Männer betrogen Frauen, Frauen Männer! Mehrfach! Den Lügen seiner Zeit, vor allem aber dem Selbstbetrug, hat Schnitzler eine unwiderstehliche Form verpaßt. Es geht rund. Die Dirne schläft mit dem Soldaten, der Soldat mit dem Stubenmädchen, das Stubenmädchen mit dem jungen Herrn undsoweiterundsofort, die soziale Leiter immer schön treppauf, bis zuletzt der Graf wieder im Bett der Dirne landet. Alle zehn haben am Ende mit jeweils zwei gegengeschlechtlichen Personen verkehrt, und das, wenn auch im Dunkeln, auf offener Bühne! "Aber Herr Franz, bitt Sie, um Gottes willen, schaun S', wenn ich das ... gewußt ... oh ... oh ... komm! ... " Der Rest sind Gedankenstriche.

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"Etwas Unaufführbareres hat es nie gegeben", vertraute Arthur Schnitzler einem Zeitgenossen über sein Stück an. In kleinen "Privatvorstellungen" wurde es gerne gelesen, kleine Verlage schwindelten es an der Zensur vorbei. Aber auf der Bühne - unvorstellbar! Max Reinhardt war, gut zwanzig Jahre nach der Niederschrift, der erste, der sich trauen wollte, unterließ es dann aber doch. In seinem Regiebuch finden wir immerhin schon einen Vorschlag für die Ausblendung des Unsagbaren: Im Augenblick der Eroberung donnert da "ein Stadtbahnzug heran, pfeifend, pfauchend immer näher, immer lauter, schließlich flitzen oben auf der Brücke zahllose beleuchtete Fenster des Zuges blitzschnell vorbei".

Auf den Plakatwerbeflächen des Wiener Schauspielhauses stand 1991 ein Satz von Werner Schwab, noch bevor den Grazer Dichter irgendwer kannte: "Wir sind in die Welt gevögelt und können nicht fliegen".

(Das Plakat mußte alsbaldvon Amts wegen überklebt werden.) In seinem "Reizenden Reigen" ist es ein wenig umgekehrt. Schwabs Leute sind aus der Welt geflogen und können nicht vögeln.