Nach sechs Jahren klinischer Erprobung am Menschen mit deutlich mehr als hundert experimentellen Behandlungen sieht die Bilanz bitter aus: Mit Ausnahme einer extrem seltenen, ererbten Immunkrankheit, dem ADA-Defekt, können Gentherapeuten bisher keine Krankheit auch nur annähernd heilen. Und ähnlich wie den Gentherapeuten geht es den Vertretern einer eng verwandten Sparte, den Immunologen.

Deren Grundthese klang plausibel: Ein Sieg über Krebserkrankungen und Infektionen sei erzielbar, wenn man das Immunsystem molekularbiologisch oder genetisch so "stärke", daß es den Feind aus eigener Kraft niederringen könne.

Brillante, nahezu zwingend logische Konzepte entstanden. Die praktische Erfahrung freilich strafte die Forscherlogik Lügen: Was auf dem Papier gut aussah und im Labor geradezu phantastisch funktionierte, versagte am Krankenbett kläglich. Immun- und Gentherapeuten machen immer wieder eine Erfahrung: Die Realität ist viel

verzwickter als angenommen. Back to basics - zurück auf die Schulbank -, lautet denn auch die Empfehlung einer US-amerikanischen Forscherkommission, welche die National Institutes of Health, den wichtigsten Finanzier gentherapeutischer Projekte in den USA, über das weitere Vorgehen beriet. Der gleiche Rat könnte auch den Immunologen gelten.

Deren Zunft hätte durchaus Grund zur Resignation. Messerscharfe Methoden stehen der Immunologie heute zur Verfügung: Bei sogenannten Knockout-Mäusen läßt sich nach Wunsch fast jedes Rädchen der biologischen Abwehrmaschinerie lahmlegen, um seine Funktion zu erforschen.

Transgene Versuchstiere sind verfügbar, deren Immunsystem für einen Versuchszweck maßgeschneidert ist. Monoklonale Antikörper spüren jedes Protein auf, dank der extrem empfindlichen PCR-Technik bleibt kaum ein DNA-Schnipsel im Erbgut einer Zelle unentdeckt.

Und doch hat es den Anschein: Je mehr Details über das Immunsystem bekannt werden, desto weiter entfernen sich die Immunforscher von therapeutischen Konzepten. Geradezu trotzig mutet daher das Thema der 73. Internationalen Titiseekonferenz an, auf der sich Ende März rund drei Dutzend Forscher aus aller Welt über "Neue Strategien der Immunintervention" austauschten.