Plötzlich, mitten in der Fastenzeit, kommen die tollen Tage im Traum zurück: "Besserwisser an die Wand, Blödmänner auf die Bühne" steht in glitzernden Lettern über dem Vergnügungspark. Die endlose Schlange an der Kasse wird im Dreiminutenabstand mit Konfetti beschossen, das Ordnungspersonal trägt rot gepunktete Krawatten, karierte Bermudas und ein festgebackenes Grinsen. Derweil treffen, unbeobachtet von den comedysüchtigen Massen, am Hintereingang die ersten Künstler ein: Spaßmacher, bekannt aus Funk und Fernsehen.

Dampfwalze Tom Gerhardt versucht, dem Langeweiler Rüdiger Hofmann einen seiner besseren Minderheitenwitze zu erzählen. Wigald Boning zupft an seinen zu kurzen Jackettärmeln, dahinter das Duo Badesalz mit riesigen Filmrollen auf dem Rücken. Und, kaum zu fassen, da sind auch KünstlerInnen im Anmarsch: Vier Damen mit Instrumentenkoffern und einer Menge mehr Gepäck. "Wie sehen die denn aus?" fragt Helge Schneider und kippt vor Schreck fast von den Plateausohlen. Doch die vier halten Kurs, schon singen sie aus voller Kehle: "Der Teig, der Teig, der wächst und wächst und drückt dich an die Wand".

Aus allen Richtungen laufen Ordner zusammen, um den Eingang abzuriegeln, im Nu ist das schönste Handgemenge im Gange. Vorneweg Muda Mathis, die mit der Klarinette auf die Muskelmänner eindrischt, Fränzi Madörin bewirft die Meute mit CDs, Sibylle Hauert tritt mit Stiefeln, Gaby Streiff verstrahlt ätzenden Charme. Und Sieg! Bühne frei und Platz da für die nächsten Königinnen!

So oder ähnlich müßte es sich, frei nach Freud, demnächst in der Realität zutragen, wären Träume wirklich Wunscherfüllung. Denn was die Schweizer Band Les Reines Prochaines von all den modischen Witzbolden auf deutschsprachigen Bühnen und Bildschirmen unterscheidet, ist, daß sie keine auf dem Reißbrett kalkulierten Kunstfiguren der Comicwelle sind. Sie müssen nicht partout den nächsten Lacher kriegen. Sie haben, von der Hüfte bis zum Dutt, die Kunst des Lächelns wiederentdeckt. Alle vier veritable Komödiantinnen, erschüttern sie schon seit über neun Jahren ein Spezialpublikum mit ihrer theatralen Sprachmusik, einer Mischung aus surrealistischer Romantik und einfachen Melodien - und die ist so einmalig, daß sie oft ungläubige, erstaunte Gesichter hinterläßt. Der Spaß hört auch nicht am Rand der Bühne auf. Ausgebrütet werden die absurden Geschichten bei gemeinsamen Gelagen oder bei jeder anderen Gelegenheit, die sich zum Klüngeln bietet.

Les Reines Prochaines kommen von der Performance her, aus der bildenden Kunst. "Profidilettantinnen" nannten sie sich lange Zeit, hatten sie der Musik doch mehr aus einer Laune heraus nachgegeben, möglichst unvirtuos in ihren Songs und Gedichten. Doch so besetzten sie ein Terrain, das es bis dahin nicht gegeben hatte und für das es bis jetzt keinen Namen gibt. Der Begriff Kabarett ist viel zu verstaubt, das Wort Varieté klingt zu nostalgisch. Les Reines Prochaines aber sind Frauen der Neunziger, die unerschrocken auch das Thema Weiblichkeit in Stücke pflücken, etwa in ihrem Lied "I hate diets", wo sich zwei Damen in einem Friseursalon begegnen und einander geheime Lüste offenbaren: "Hilli Billi liebt Wurstzipfel, Hilli Billi liebt Käseplatte / Hilli Billi liebt Sahnetorte, Hilli Billi liebt Schweinebacke ..." Befreiendes Lachen in Orkanstärke: Muda Mathis, barfuß mit der Schürze, Sibylle Hauert im glitzernden Sixtiesfähnchen mit wadenhohen Stiefeletten, Gaby Streiff im Abendkleid mit Trompete und Fränzi Madörin mit hochgetürmten Haaren, rutschenden Hemdträgern und einem Rock, der seine besten Jahre längst hinter sich hat. Dieser Look, von den Reines "Schmuddel" genannt, ist so wenig Konzept wie Zufall und überzeichnet nur das Vorhandene.

"Es ist eine mögliche Überlebensstrategie, über sich und das Elend, in dem man steckt, zu lachen. Eine Methode, alles psychisch gesund zu überstehen," sagt Muda Mathis.

Wer sich traut, derart unmöglich zu musizieren und zur Klangerzeugung neben Klarinette, Trompete, Akkordeon, Posaune, Baß, Percussion und Gesang auch eine Harmonika oder Spielzeug einsetzt, der hat kein Pseudoimage für die Bühne nötig. Trotzdem bekommt jedes Programm einen eigenen ästhetischen Rahmen, den die Alemanninnen mit Lust und Witz füllen. "Le coeur en beurre, doublegras" (das heißt soviel wie: Butterherz, vollfett), vor wenigen Wochen auf CD erschienen, ist ihr neuester Coup. Dabei geht es meist ums Essen, öfters um Liebe, um Schönheit, den Haushalt und um die Ferne. Eine gewisse parapoetische Ebene wird dabei selten verlassen: "Worte sind gesprochen mit pochendem Sinn /Das Drama ist im Gange, die Bedeutung gering / Das Kunststück ist schwierig, die Muse hat frei /Das Wasser will raus jetzt, auch das geht vorbei."