Man kann darüber streiten, ob jene Männer und Frauen des Widerstandes gegen die Hitler-Diktatur, die Opfer von NS-Justizmorden wurden, in einem rechtsstaatlichen Wiederaufnahmeverfahren "rehabilitiert" werden sollten. Viele von ihnen würden dies wahrscheinlich gar nicht wollen, wenn sie noch selbst darüber befinden könnten. Gewiß aber ist, daß sie die Rechtfertigung ihres Tuns - bis hin zum mißglückten Tyrannenmord - nicht in einer Art von nachträglichem Unschuldsbeweis vor nachkriegsdeutschen Strafgerichten sähen.

Jeder Versuch, die Schuldlosigkeit der Attentäter, ihrer Gesinnungsfreunde und Helfer gleichsam "von Anfang an" festzustellen, würde ihre Ehre schmälern und notwendig dazu führen, daß ihre eigene Geschichte verdunkelt würde. Denn sie waren im Sinne des Gesetzes Hochverräter.

Klaus von Dohnanyi, der Sohn des ebenfalls kurz vor Kriegsende in einem Konzentrationslager hingerichteten Reichsgerichtsrats, meinte vor kurzem, sein Vater habe das ebenso gesehen: "Formaljuristisch war sein Tun (auch Bonhoeffers) Hochverrat und in Teilen Landesverrat, moralisch und menschenrechtlich war es Recht." Am Anfang und bis weit hinein in den Zweiten Weltkrieg stand bei allen der Konflikt mit dem eigenen Gewissen. Auf einen Staatsstreich lief es immer hinaus, den Reichskanzler Adolf Hitler zu entmachten. Für die Offiziere galt es, den Soldateneid zu brechen, den sie dem Führer und Oberbefehlshaber der Wehrmacht geschworen hatten. Hohe Ministerial- und Verwaltungsbeamte mußten letztlich sogar den Treueschwur auf die Weimarer Republik vergessen, deren Verfassungsorgan Hitler noch immer war. Was hieß das damals! Und dann, zum Ende der Verschwörung - Mord am Staatschef. Friedensverhandlungen mit dem Feind, als die Front noch halbwegs standhielt.

Die Täter, Mittäter und Gehilfen waren ohne Ausnahme in Staatstreue und Gehorsam erzogen. Die Widerständler waren deutsche Patrioten.

Deshalb mußten die Verbrechen erst riesengroß geworden sein, ehe Oberst Graf Stauffenberg im Einverständnis mit den Mitverschworenen seine Bombe in der Wolfsschanze zünden konnte.

Über die Seelenqualen und den Heldenmut der Menschen, die schließlich taten, was ihr Gewissen ihnen befahl, und dafür starben oder doch ihr Leben einsetzten, kann kein Wiederaufnahmerichter mehr befinden.

Vielleicht aber könnte es der Deutsche Bundestag. Er hat - wenngleich auch viel zu spät - im Jahre 1984 festgestellt, "daß die als ,Volksgerichtshof` bezeichnete Institution kein Gericht im rechtsstaatlichen Sinne, sondern ein Terrorinstrument zur Durchsetzung der nationalsozialistischen Willkürherrschaft war". Dasselbe sollte gelten für die SS-Stand- und Sondergerichte, die in den Konzentrationslagern Flossenbürg, Oranienburg und andernorts in letzter Stunde Männer des Widerstandes dem Henker überantworteten, damit sie vor der Welt kein Zeugnis für die Gründe ihres Tuns mehr ablegen könnten.