Die deutsche Einheit hat vieles durcheinandergebracht. Da tauchen zum Beispiel plötzlich Leute aus dem Osten in Bundesverwaltungen und Ministerien auf, die weder mit Verwaltung noch mit Demokratie Erfahrung haben und sich dementsprechend, je nach Temperament, vorsichtig oder unbefangen in der neuen Umgebung bewegen. So kam auch ich auf verzweifelter Arbeitsplatzsuche in die Stadt am Rhein, eine Stelle anzutreten.

Mein erster Eindruck vom Funktionieren der Demokratie auf höchster Verwaltungsebene war vielversprechend. Weder vor noch bei meiner Einstellung fragte mich jemand nach meinen gegenwärtigen parteipolitischen Präferenzen oder gar nach Parteimitgliedschaft. Mich beeindruckte dies so sehr, daß es in mir Illusionen erweckte über das, was kommen sollte.

Ich war in einer Institution tätig, die einem überparteilichen politischen Gremium Verwaltungsdienstleistungen zu erbringen hat.

Ein besonders konfliktreiches Betätigungsfeld, wie mir schien, soll doch die Verwaltung den Trägern der Macht dienen, sich gleichzeitig aber neutral verhalten. Wie wird solch ein Widerspruch im Alltag ausgehalten und ausgetragen? Ich sollte bald Gelegenheit haben, das am eigenen Leibe zu erfahren.

Die arbeitsintensive, sachliche Atmosphäre in meiner Gruppe gefiel mir durchaus, zumal meine Vorschläge wohlwollend aufgenommen wurden.

Der Umgangston war mir etwas ungewohnt, aber ich sagte mir, das sei nun mal so auf der Ebene der obersten Bundesbehörden. Allmählich merkte ich jedoch, daß es sich hier um eine parteipolitisch homogene Gruppe handelte, in die ich nicht gehörte. Mir wurde zunehmend unbehaglich, in Kreisen der Regierungsparteien zu verkehren, ohne daß man um meinen politischen Hintergrund wußte, weil einzelne Leute aus meiner nächsten Arbeitsumgebung, im Glauben, ihresgleichen vor sich zu haben, recht vertraulich wurden und mir hinter vorgehaltener Hand Dinge mitteilten, die sie mir sonst wohlweislich verschwiegen hätten.

Meine Aufgaben veränderten sich etwas, als meine parteipolitische Bindung bekannt wurde, vor allem aber wurden mir nun Informationen, die ich für meine Arbeit brauchte, schwerer zugänglich. Informationen sind eine wichtige Ressource im Machtspiel, dies war mir nicht neu. Neu für mich war, wie so etwas in einer Demokratie abläuft.