Es kommt wohl nicht häufig vor, daß der Rezensent dem Leser dringend empfiehlt, in einem Buch zuerst die letzten Seiten zu lesen. In diesem Fall ist es nötig. Denn anders versteht man schwer, was der Subcomandante Marcos zu sagen hat. Und warum die schönsten Geschichten ein Käfer namens Don Durito de La Lacandona schreibt.

Der mexikanische Bundesstaat Chiapas war für ein paar Monate in aller Munde. Eine Aufstandsbewegung in diesem reichen Land mit seiner so armen Bevölkerung erschütterte Mexiko und schien das Ende des eigenartigen Konglomerats von Staat, Staatspartei, Gewerkschaften, Oligarchie und Finanzwelt näher zu bringen. Indigenas im Lakandonischen Urwald erhoben sich und sagten der zum System verfestigten Korruption und Ausbeutung den Kampf an. Die neuen Zapatisten zerstörten mit ihrem "Ya basta!" das sorgfältig polierte Bild eines ruhigen, prosperierenden, sich modernisierenden Mexiko, das sich im Namen des Neoliberalismus anschickte, alte Strukturen abzustreifen und sich dem Wettbewerb einerseits und der Demokratie andererseits zu öffnen.

Es war mehr als eine Revolte, auch viel mehr als eine der nicht seltenen sozialen Unruhen, es rüttelte an den Festen eines Systems, das den Schein der Demokratie aufrechterhält, um die Mehrheit auszubeuten. Und daß der Aufstand diese politische Qualität erreichte, geht weitgehend auf das Konto eines Mannes, jenes geheimnisvollen Subcomandante Insurgente Marcos, von dem auch der Verlag stolz behauptet: "Weiteres nicht bekannt." Was sicher nur zum Teil zutrifft.

Marcos ist ein gebildeter Weißer, wenn nicht von Beruf, dann von Berufung Schriftsteller, weit herumgekommen, ein Intellektueller, der Anarchie (im ursprünglichen Sinne des Wortes) mit Nationalismus und jenem ladinischen Stolz verbindet, der Gerechtigkeit für die "Indianer" fordert.

Würde, Freiheit, Gerechtigkeit - das bedeutet mehr als das abgegriffene "soziale Gerechtigkeit" im Sinne ausgeglichenerer Einkommensverteilung.

Diese Forderungen treffen auf einen empfindlichen Nerv, das verdrängte Schuldgefühl angesichts der Rücksichtslosigkeit, mit der die weiße Oberschicht die indigena-Bevölkerung und sich selbst behandelt, und die schmerzhafte Einsicht der oppositionellen Intellektuellen, daß sie nicht die Kraft aufbringen, ihren Reden Taten folgen zu lassen.

Marcos predigt nicht den sozialen oder politischen Umsturz. Zwar besitzt er einen Karabiner, aber eben auch Papier. Er erzählt Wirklichkeit, mal sehr realistisch, mal in Märchenform, er macht sich zum Schildknappen eines eine Schildkröte reitenden Käfers, er stichelt, lästert, spottet, er höhnt und mokiert sich. Er ist weder ein Held noch ein Erlöser, weder Caudillo noch Befreiungsgeneral, er weiß um die Schwäche seiner Bewegung, aber auch um die Schmerzempfindlichkeit seiner Gegner. Er weiß, daß Revolutionen in den Köpfen stattfinden, während Revolten im Kugelhagel zusammenbrechen. Emiliano Zapata wurde 1919 in einen Hinterhalt gelockt und ermordet; seine Idee überlebte.