ESSEN. - Im Zusammenhang mit den gegenwärtigen deutsch-kurdischen Spannungen lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Er kann manches von dem zurechtrücken, was eine fanatische Minderheit zu ihrer Rechtfertigung vorbringt.

Als Erbin des Osmanischen Reiches, das 623 Jahre lang bestand, hat die Türkei die Hinterlassenschaft eines Vielvölkerstaates übernommen. Das Osmanische Reich hat in seiner langen Geschichte die erste multikulturelle Gesellschaft der Welt dargestellt. Von den österreichischen Grenzen bis zum Iran, vom Schwarzen Meer bis zu den Maghreb-Staaten genossen unzählige Volksgruppen die Geborgenheit oder erlitten die Herrschaft des Osmanischen Reiches.

Die türkische Republik, die auf eine 73jährige Geschichte zurückblickt, hat diese Multikulturalität übernommen. Zur Zeit gibt es in der Türkei 47 verschiedene Volksgruppen. Von knapp 2 Millionen Albanern bis zu 1,5 Millionen Aserbajdschanern, von circa 300 000 Arabern bis zur griechischen, armenischen und jüdischen Minderheit leben sie teilweise friedlich, teilweise im Konkurrenzverhältnis zusammen.

Abgesehen von den drei nichtmuslimischen Minderheiten - Armenier, Griechen und Juden - verbindet alle Volksgruppen vor allem eines: Sie sind Muslime.

Seit der Gründung der Republik Türkei war es dem Staatsgründer Atatürk gelungen, alle islamischen Minderheiten für die türkische Identität zu gewinnen und, wenn nötig, auch zu assimilieren. Eine Volksgruppe allerdings wehrte sich von Anfang an gegen eine Eingliederung: die Kurden. Über ihre Zahl herrscht Uneinigkeit (das kurdische Institut in Frankreich schätzt die Zahl der Kurden in der Türkei auf 7,8 Millionen, offizielle türkische Stellen gehen von bis zu 13 Millionen aus), doch an ihren Bemühungen um kulturelle Autonomie gab es nie einen Zweifel.

Der Kampf der PKK für staatliche Unabhängigkeit, begonnen in den frühen achtziger Jahren, forderte in der Türkei bis heute etwa 16 000 Tote. In den vergangenen zwölf Jahren hat deshalb in Südostanatolien eine wichtige Entwicklung stattgefunden: Viele Kurden, die unter den Terroranschlägen der PKK ebenso litten wie unter den teilweise brutalen Angriffen des türkischen Militärs, sind in die Westtürkei abgewandert. Ihre Hoffnungen richteten sich darauf, vom Elend Südostanatoliens befreit und Teil der besser verdienenden Bevölkerungsschichten in der Türkei zu werden.

Die Kurden in Südostanatolien, die nicht an der Binnenmigration teilnahmen, mußten sich mit der Herrschaft der PKK abfinden. Teilweise freiwillig, teilweise gezwungen, haben sie begonnen, diese radikale Organisation zu unterstützen. So begann eine Art "ethnische Säuberung" in Südostanatolien. Fast alle dort lebenden Türken verließen die Region und wanderten ebenfalls in die Westtürkei ab. Selbst Staatsbeamte haben aus Angst um ihr Leben den Südosten verlassen und ziehen ihrer dortigen Beschäftigung eine Existenz als Arbeitslose in der Westtürkei vor.