Wie macht sie das nur? Dreißig Augenpaare sind auf die Lehrerin geheftet, die vor der Tafel auf und ab wandert. Wie hat sie erraten, welche Zahl sich der Schüler in der letzten Reihe ausgesucht hat?

Liegt die Lösung in den Zahlenkolonnen an der Tafel? Spiel mit Zahlen im Matheunterricht. Neugierig enträtseln die Fünftkläßler den Zaubertrick. "Als Hausaufgabe", sagt die Lehrerin, "macht ihr den Trick mal mit euren Eltern." Matheunterricht am Evangelischen Gymnasium Werther (EGW) bei Bielefeld. Ein moderner Backsteinbau mit großen Fensterflächen. Schüler haben bunte Comicfiguren an die Wände gemalt: Asterix und Obelix, ein gelb-schwarz getupftes Marsupilami kringelt seinen Schwanz um die Garderobenhaken.

Ein ganz normales Gymnasium? Nicht ganz. Hier ist nicht Kirche oder Staat, hier sind die Eltern Träger der Schule. Sie haben ein gewichtiges Wort mitzureden bei der Verteilung der Mittel, der Auswahl der Lehrer und der inhaltlichen Gestaltung der Schule.

Seit 1973 wird die Privatschule vom Schulverein getragen, einem gemeinnützigen Verein der Eltern. Wer sein Kind hier zur Schule schicken möchte, muß Mitglied im Schulverein werden. Der Schulverein genehmigt den Haushaltsplan, finanziert Baumaßnahmen, Möblierung und trägt die sechs Prozent der laufenden Kosten, für die der Staat nicht aufkommt. Wichtigste Einnahmequelle sind die Mitgliedsbeiträge: eine Art Schulgeld der Eltern. Achtzig Mark monatlich sind es zur Zeit, nur vierzig Mark zahlen Geschwisterkinder. Die Schule will nicht elitär, sondern für jeden zugänglich sein.

Was in der Debatte um die Autonomie der öffentlichen Schulen seit rund zwei Jahren heftig diskutiert wird, ist an der kleinen Privatschule in Werther weitgehend Wirklichkeit. Ein Verwaltungsleiter als Angestellter des Schulvereins arbeitet in der Schule mit dem Schulleiter und den Vorsitzenden des Vereins zusammen.

"Wir sind in die Situation so hineingewachsen", sagt Schulleiter Manfred Sieker, "ursprünglich wollten die Eltern mit ihrer Initiative einfach den Kindern aus Werther den langen Weg nach Bielefeld ersparen." Die Trägerschaft der Eltern war eine Notlösung: Anfang der siebziger Jahre zog sich der bisherige Träger, die Kirche, aus der Finanzierung zurück. Die Schule stand vor dem Aus. Da gründeten die Eltern den Schulverein. Inzwischen ist das EGW ein vollwertiges Gymnasium mit Oberstufe, Tagesbetreuung und rund 600 Schülern. Der Zusatz "evangelisch" ist geblieben. Schließlich fühlt sich die Schule laut Satzung christlichen Werten nach wie vor verbunden.

Das Modell der Privatschule Werther ist ein Beispiel für die Möglichkeiten, die mehr Eigenständigkeit an den Schulen eröffnen können. "Weil bei uns der Wasserkopf der Verwaltung fehlt, fallen Verzögerungen durch Hierarchien und räumliche Entfernung weg", sagt Verwaltungsleiter Heinrich Heining. Er wacht nicht nur über die Mittel des Schulvereins, sondern auch über das Geld aus den staatlichen Töpfen. "Wenn ein Problem auftaucht", sagt Heining, "setzt sich bei uns der Pädagoge mit dem Kaufmann an einen Tisch, und mit Zustimmung des Schulvereinsvorstands kann schnell gehandelt werden."