Tokio

Um die Baseballmütze hatte er ein Stirnband gebunden, auf dem mit drei Schriftzeichen geschrieben stand: "Nichts ist wichtiger als das Leben". Shoichi Chibana, 47 Jahre alt, einfacher Kaufmann und Grundstücksbesitzer auf Japans südlichster Insel Okinawa, nimmt man die Parole sofort ab. Schon feiert ganz Japan den Mann, der Premier Ryutaro Hashimoto und US-Präsident Bill Clinton kommende Woche die Gipfel-Show in Tokio stehlen will.

Das Familienphoto der Chibanas schmückt die Titelseiten aller großen japanischen Zeitungen. Auf breiten Schultern trägt Chibana seinen 6jähri-gen Sohn, mit dem Arm zieht er seinen 79jährigen Vater nach. Am Montag vergangener Woche traten die drei Generationen der Chibanas gemeinsam vor dem amerikanischen Militärstützpunkt nahe ihres Dorfes an. "Gebt unser Land zurück", forderten sie.

Tausend Dorfbewohner stärkten ihnen an diesem Morgen in strömendem Regen den Rücken.

Tokio und Washington sind - unter Juristen kaum umstritten - gegenüber den Chibanas in Unrecht geraten. Der Pachtvertrag für das Familiengrundstück, einst im Namen der japanischen Regierung für die Nutzung durch das amerikanische Militär gerichtlich erzwungen, ist am 31. März ausgelaufen. Seitdem fehlt die Rechtsgrundlage für die weitere Benutzung. Vorsorglich hat die japanische Polizei Stacheldrahtzäune errichtet, damit Chibana und andere Dorfbewohner das Grundstück nicht besetzen können.

Längst berührt der Okinawa-Streit den Kern der für Bill Clinton "wichtigsten bilateralen Beziehung der Welt". Vordergründig geht es dabei um die Zukunft der 47 000 amerikanischen Soldaten in Japan, von denen allein 28 000 auf Okinawa stationiert sind. Wie Chibana fordert die große Mehrheit der Bürger auf Okinawa einen Abbau dieser Militärpräsenz. Die liebliche Insel leidet seit Jahren unter dem Ruf, ein El Dorado für amerikanische Rambos zu sein.

Als im vergangenen Jahr drei US-Soldaten ein Schulmädchen verschleppten, fesselten und vergewaltigten, erfaßte die Empörung das ganze Land.