Die Mode wurde in Frankreich gemacht. Und niemand schien zu bemerken, wie sehr Derridas Dekonstruktivismus und Blumenbergs Metaphorologie verwandt sind. Beide stehen im Dienste dessen, was nicht gesagt werden kann, beide organisieren ihre Wendung zur Literatur als Demonstration gegen die Ansprüche des falschen Klartexts. Niemand versagte Hans Blumenberg den Respekt, aber Schule hat er nicht gemacht. Seine Texte sind keine Schullektüre, sie sind kontemplativ und wollen vom Leser nichts als den Verzicht auf schnelle Gewißheiten. Sie sind ungeeignet zur Gemeindebildung und liefern keine Programmatik. Auch war Blumenberg kein geselliges Temperament. Sein Leben war das eines Außenseiters, die meiste Zeit wohl wider Willen. Zuletzt führte er uns stolze Resignation vor. Seit den "Höhlenausgängen" im Jahre 1989 ist kein weiteres Werk von ihm mehr erschienen. Er hatte dem Publikum gekündigt.

Es heißt, er habe bis zu seinem Ende die Tagebücher Thomas Manns studiert, den er für so etwas wie einen älteren Bruder hielt. In einem Brief an Ada Kadelbach, die Leiterin des Lübecker Kulturamtes, noch fünfzehn Tage vor seinem tödlichen Herzinfarkt am 28. März in Altenberge bei der Stadt Münster (wo er von 1970 bis 1985 lehrte), heißt es: "Aber er (Th. Mann, E. N.) hat nun schon nobelpreisgewürdigt, Lübeck noch einmal besucht und am 7. September 1931 in St. Katharinen die Rede an die Jugend (der Welt) gehalten. Ich finde es wichtig, weil doch auch dies schon oder wieder eine der ,Versöhnungen' war. Weniger wichtig mag ihnen erscheinen, daß ich damals Thomas Mann zum ersten und einzigen Mal sah."

Auch Hans Blumenberg hätte Lübeck, die Stadt, in der er 1920 geboren wurde, wohl gerne noch einmal besucht. Wie die Brüder Mann hatte er, mit seiner Stadt, speziell mit dem Lübecker Katharineum, schlechte Erfahrungen gemacht. Anders als bei den Brüdern Mann waren seine schulischen Leistungen glänzend. Aber der Klassenprimus, der die traditionelle Abiturrede halten sollte, wird bei der Abiturfeier öffentlich gedemütigt. Blumenberg gehört wie Adorno und Wittgenstein zu den Philosophen, die, als Katholiken erzogen, erst durch die Nürnberger Rassengesetze zu Juden beziehungsweise "Halbjuden" gemacht wurden. Blumenberg selbst hat sich nicht als Jude gegeben. Nach dem Arbeitsdienst wird er für "wehrunwürdig" erklärt. Er verschwindet zunächst zum Theologiestudium in der Frankfurter Jesuitenhochschule St. Georgen, kehrt dann nach Lübeck zurück. 1944 wird er verhaftet. Es gelingt ihm, aus dem Konzentrationslager zu fliehen. Die Lübecker Familie seiner späteren Frau versteckt ihn bis zum Kriegsende.

Im letzten großen Buch "Höhlenausgänge" ist die Höhle die Metapher für den Singular. Daß wir aus der Höhle herausmußten, die uns wie ein Mutterleib den sicheren Schlaf möglich machte, war diesmal das Bild für den großen Verlust. "Im Schutz der Höhlen beginnt der Frühmensch mit einer neuen Form des Schlafes, des geborgenen Tiefschlafes, den sich kein anderes ,feindbezogenes' Lebewesen leisten kann."

Blumenberg lebte am Ende als ein anderer Höhlenmensch. In einer erschreckenden Inversion folgte er dem Ruf von Minervas Eule, die bekanntlich erst in der Dämmerung ihren Flug beginnt, und machte die Nacht zu seiner Zeit, ein später Nachfahr des Nachtwächters Bonaventura. Nur wenn alles schlief, machte er Licht. Was für andere ein romantischer Topos bleibt, wurde seine Lebenszeit. Nur noch nachts lebte, las und schrieb er, zum Beispiel den Satz: "Mehr Licht! ist das eine unerläßliche Postulat der nie abgeschlossenen Menschwerdung. Nicht zu viel Licht! ist das andere, welches der Fluchtbewegung in die Höhle, der immerwährenden Lust zu den Schatten gegenzusteuern hat." Bücher mußten ihm so sehr die Menschen ersetzen, daß er schließlich, wie Henning Ritter berichtet, nicht mehr wußte, warum er veröffentlichen sollte. "Für wen eigentlich?" so soll er sich gefragt haben.

Daß es von Hans Blumenberg nur ein einziges Bild gibt, daß er jedes weitere Photo von sich untersagt hat, nehmen wir als seine letzte verschlüsselte Botschaft: Am liebsten wäre er unsichtbar geblieben, ganz hinter seinen Geschichten und Metaphern verschwunden wie jener chinesische Maler in dem Bild, das er selbst gemalt hatte. Das vernünftige Subjekt thematisiert nicht das Subjekt der Vernunft. Aber vom Propheten des Plurals gibt es ein Bild, ein einziges.

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