Schlechte CD-ROMs gibt es viele. Eine hat gute Chancen auf einen Spitzenplatz in dieser Kategorie: "Das große Lexikon" aus dem Düsseldorfer Computer-Fachverlag Data Becker , der im vergangenen Jahr immerhin einen Umsatz von 113,5 Millionen Mark erzielt hat. Bunte Anzeigen versprechen "das Wissen der Welt" auf "zwei randvollen CDs"; seit August 1995 sind bereits 50 000 Stück verkauft worden. Das ist sehr viel für dieses Medium.

Vor kurzem ist eine aktualisierte Version erschienen; ein Sprecher des Verlags preist sie vielsagend mit den Worten, nun seien die "gröbsten Fehler bearbeitet" worden. Was bleibt, ist freilich beeindruckend genug: haufenweise Halbwahrheiten, sachliche Fehler und grobe Bearbeitungsmängel.

Der Schnelle Brüter Kalkar, bereits 1991 stillgelegt, ist hier noch immer "in der Entwicklung". Und die vielen bunten Diagramme präsentieren hauptsächlich Datenschrott: "Beamte bei Bund und Ländern" werden beispielsweise in "Millionen Mark" gezählt. Die Statistik endet 1992 und weist für dieses Jahr "Beamte" in Höhe von astronomischen "1 800 000 Mrd. DM" aus. Teils sind die Legenden unsinnig, teils fehlen ganze Zahlenreihen. Offensichtlich hat der Verlag solche Graphiken wahllos eingescannt und dann nur notdürftig umgearbeitet.

Das stärkste Aufnahmekriterium ist wohl gewesen, daß das Material irgendwo bei Industrie, Verbänden und Ministerien lizenzfrei zu haben war: ein Crashtestvideo von VW, ein bißchen Transrapidwerbung von Thyssen Henschel, ein paar Kraftwerksbilder von RWE, und fertig ist ein Multimedia-Lexikon.

120 Minuten Videos verspricht die CD. Es sind aber oft Schnipsel ohne jeden Informationswert: "Politik live" bietet Auszüge aus Reden von Jelzin und Kohl, ohne daß man auch nur erfährt, wann und wo diese Reden gehalten worden sind. "Aufregende und einmalige Videos aus der Geschichte" werden in Aussicht gestellt. Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs muß sich allerdings mit 203 Sekunden begnügen, und der Judenmord hat hier überhaupt nicht stattgefunden, er wird nur in der "Geschichte des 3. Reichs" erwähnt, die aber 1938 endet.

Auch die Zeit nach 1945 zerfällt in sinnlose Fragmente: Zu einem UN-Bild von Zypern wird auf die Spannungen von 1963 verwiesen, doch die türkische Invasion von 1974 hat es nicht gegeben, auch der Lexikoneintrag "Zypern" weiß davon nichts.