Die Konsumenten, vor allem die deutschen, fürchten nichts so sehr wie gesundheitsschädliche Zusätze in Lebensmitteln. Hormone im Fleisch, künstliche Gene im Rhabarber oder Kunstaromen in allem, was verpackt ist - der Katalog der Zusätze in unserer Nahrung ist schon heute endlos und vergrößert sich immer schneller. Die Verbraucher fordern dringend eine Kennzeichnung der Lebensmittel, die irgendwie manipuliert sind. Die Nahrungsmittelindustrie ist aus verständlichen Gründen dagegen. Ich auch.

Weil es wenig bringt. Eigentlich gar nichts, außer der trügerischen Zuversicht, daß es eine Warnung vor Zusätzen gibt. Doch was sagt uns das? Gewarnt werden wir ständig. Regierungen warnen vor der Opposition, Kirchen vor Kondomen, der ADAC vor Bäumen, das Komitee zur Reinhaltung der Brillengläser und die Friseure - alle warnen uns Tag und Nacht vor falschem Verhalten. Beim Aufstehen warnt uns das Radio vor dem Stau auf der Autobahn, das Frühstücksfernsehen vor einem abstürzenden Satelliten und noch mehr Arbeitslosen; die Zeitung warnt vor rumänischen Räuberbanden, vor dem Ozonloch, vor Aids, vor Urlaub in Kurdistan und so weiter. Wir leben auf einem Pulverfaß mit brennender Lunte. Die einzigen, die uns davon abzulenken versuchen sind Werbebüros, und denen glauben wir schon lange kein Wort mehr. Also essen wir unser Müsli und wundern uns, daß wir nicht auf der Stelle tot umfallen.

Was nützt es also, wenn auf siebzig oder neunzig Prozent aller Nahrungsmittel draufsteht, womit sie gefärbt, aromatisiert und haltbar gemacht sind? Jeden Tag kommen neue Produkte aus den Labors auf den Markt. Wer soll die alle untersuchen? Welche Gerichte die unvermeidlichen Einsprüche der Hersteller verhandeln? Es ist sinnlos. Abgesehen vom Boykott haben Verbraucher keine Chance, der Lawine von Kunstfraß zu entgehen. Doch die Suche nach den unverfälschten Produkten ist ihnen zu mühsam; andernfalls müßten die Bio-Bauern größere Zuwachsraten haben als die Reiseveranstalter.

Deshalb hilft es nichts, manipulierte Lebensmittel zu kennzeichnen. Vielmehr müßten jene kenntlich gemacht werden, die das nicht sind. Also Produkte ohne Zusätze; Fleisch von guter, alter Qualität wie damals, als Massentierhaltung und Chemikalien in der Landwirtschaft noch unbekannt waren. Milchprodukte ohne Aromen, Kunstdüngerbeschränkung bei Gemüse und so weiter. Das wird Fertigprodukte wohl von vornherein ausschließen. Aber die Angsthasen unter den Verbrauchern wüßten dann wenigstens, woran sie sind.

Das Ganze ist keine graue Theorie. In Frankreich, wo die Konsumenten keineswegs von Ängsten geplagt sind, hat man bereits 1990 ein Gesetz erlassen (Nr. 90-558), das das Wein-Gütesiegel AOC (Appellation dÕOrigine Controlee) auch auf Lebensmittel ausdehnt. Nur etwa zehn Prozent der Weine bekommen das Siegel. Noch strenger ist die Auswahl bei den Nahrungsmitteln. Erstaunlich, weil es sich ja nur um französische Spitzenprodukte handelt, deren Erzeuger seit Generationen überzeugt sind, die weltbesten Käse, Austern oder Hühner zu liefern und deren Käufer genauso denken. Dennoch sind seit 1990 nur drei zusätzliche Produkte mit dem Gütesiegel ausgezeichnet worden: die Oliven aus Nyons, das Olivenöl aus Nyons und die Linsen aus Puy. Die Inspektoren von AOC verlangen nämlich nicht nur eine hohe, sondern auch eine unverwechselbare Qualität. Das erlaubte es ihnen, bereits vor der Gesetzesnovelle einige Produkte aufzunehmen, die nicht vom Rebstock stammen: Bressehühner, Roquefort, Walnüsse aus Grenoble und Lavendelessenz aus der Provence.

Wir könnten uns glücklich schätzen, wenn eine ähnliche Auszeichnung bei uns für bloße Qualität vergeben würde; die regionalen Unterschiede zwischen holsteinischem und bayerischem Griebenschmalz dürften auch die feinsten Zungen kaum herausschmecken. Es wäre der Beginn einer Klassifizierung, die zunächst anspruchsvollen Essern bei der Suche nach dem Genuß helfen würde, vor allem aber den vielen Gesundheitsfreaks das Zittern abgewöhnen könnte, wenn sie die Hand nach einem Apfel oder einem Sack Kartoffeln ausstrecken. Die Zahl der davon profitierenden Konsumenten wäre groß. Nur leider ist die Macht der sich davor fürchtenden Großagrarier und Tiermäster noch größer. Und was schließlich die Nahrungsmittelgiganten davon halten, kann man sich vorstellen.