Claude Lanzmann, als Dokumentarfilmer seit "Shoah" weithin berühmt, verlangt von seinen Zuschauern eine Konzentration und eine Disziplin, die im Zeitalter des Spaßfernsehens als ausgestorben gilt. Oder? Kann nicht auch ein Homo sapiens, gereizt und ermüdet von allzuviel Oberflächlichkeit, erleichtert aufatmen, wenn er Claude Lanzmann gucken darf?

Sollte ein derartiger Effekt eintreten, so nur in den gebildeten Schichten, wo man es lernt, beim Studium und auch beim Fernsehen Disziplin walten zu lassen - in Erwartung einer späteren Belohnung: Glück der Erkenntnis, Macht des Wissens. Das große Publikum wird Lanzmann nicht goutieren. Und das ist durchaus ein Einwand. Seine Doku-Collagen umspielen die Grenze zwischen Film und bloß kommentiertem Archivmaterial, mit starker Tendenz zum letzteren. Das gilt auch für sein zwischen 1991 und 1994 entstandenes Werk über die israelische Armee, das Ostern im WDR zu sehen war. Der Zweiteiler, insgesamt über vier Stunden lang, beschränkt sich auf eine Aneinanderreihung von Interviews mit Offizieren, Piloten, Generälen, auch Schriftstellern - er macht von historischen Kriegsbildern, die es ja gäbe, kaum Gebrauch; er zeigt außer den redenden Köpfen nur noch Landschaft, meist Wüste, auch mal den Mond in schwarzer Nacht. Und schweres Kriegsgerät, von allen Seiten.

Die israelische Armee ist eine der wenigen in der zivilisierten Welt, die mit der jungen Erfahrung heißer Kriege lebt und daraus ihr Selbstbewußtsein schöpft. Die Situation des Landes gibt außerdem den Soldaten ein ganz anderes, akuteres Gefühl vom Sinn ihres Tuns als etwa der Bundeswehr. Wenn man dies in Rechnung stellt, kann man die kriegerische Haltung von Lanzmanns Generalmajoren und Reserveoffizieren nicht einfach als militaristisch abtun; man kann, als Nordeuropäer, nur dankbar sein, daß man im Frieden lebt und es deshalb nicht nötig hat, zu sagen: "In der Armee wurde ich sozusagen neu geboren. Meine zweite Geburt fand in einem Panzer statt."

Die Israelis haben alte, ausgemusterte Centurions aus britischen Beständen gekauft und nachgebessert, sie mußten viel technisches Know-how, Wachsamkeit und Mut aufbringen, um ihre Rüstung und ihren Kampfgeist aufzubauen. Wie stolz sie darauf sind, zeigt Lanzmanns Film. "Mögen Sie Panzer?" - "Ja sehr, sie sind schön." "Ich kenne diesen hier in- und auswendig. Er ist mein Zuhause."

Die Angst in der Schlacht, die Sehnsucht nach Frieden, auch sie kommen vor. Der Film beginnt mit ihnen. Aber dann brechen die soldatischen Tugenden durch, die zum Krieg gehören wie die Liebe zur Waffe und die Befehlshierarchie. "Man denkt als Krieger nicht an Haus und Familie, sondern nur an den Kampf."

Tsahal ist die Abkürzung von Tsava Haganah Leisrael = Armee zur Verteidigung Israels. Wenn man diesen Film als Echo auf "Shoah" oder als dessen Fortsetzung sieht, vergeht einem jede Mäkelei an dem offensiven Gestus, mit dem die israelischen Militärs ihre Funktion erfüllen und ihre Geschütze tätscheln. Sie wissen, was es heißt, Opfer zu bringen. Aber sie wollen keine geborenen Opfer mehr sein.