Zufall, gutes Timing oder eher schlechtes Gewissen? Die Bundesregierung sagt windigen Finanzfirmen den Kampf an - just zu dem Zeitpunkt, da die Frankfurter Staatsanwaltschaft neue hanebüchene Details über Deutschlands wohl größten Anlagebetrug bekanntgibt. Während in Bonn Finanzstaatssekretär Hansgeorg Hauser Kontrollen des Staates verspricht, erheben die Ermittler am Main schwere Vorwürfe gegen Manager des Geldanlagevereins European Kings Club (EKC): Den Rädelsführern des EKC legen die Staatsanwälte gar zur Last, Mitglieder einer kriminellen Vereinigung zu sein.

Die Bilanz des "königlichen Clubs" ist wahrlich beeindruckend. Zehntausende Kleinanleger sind um ihre Einlagen geprellt. Geblieben ist ein Schaden von schätzungsweise einer Milliarde Mark. Genaueres kann heute niemand sagen, das Beweismaterial der Ankläger füllt mehrere Zimmer. Um wenigstens etwas Licht in die dubiosen Machenschaften zu bringen, sahen sich die Ermittler zu einem ungewöhnlichen Schritt veranlaßt: Die Behörde engagierte für ein Honorar von 1,7 Millionen Mark externe Wirtschaftsprüfer.

Der aufgeflogene Club ist kein Einzelfall. Die staatlichen Stellen haben schon lange den Überblick verloren. Hunderte von unseriösen Finanzjongleuren treiben auf dem grauen Kapitalmarkt ihr Unwesen. Dort, abseits organisierter Börsen, kontrollierter Banken und regulierter Versicherungen, legen Betrüger ihre Kunden immer häufiger aufs Kreuz. Zwar kann niemand alle Varianten zählen, doch das Strickmuster ist meist ebenso einfach wie effektiv: Die Betreiber ködern Investoren mit utopischen Renditeversprechen. Und mit Bankgarantien sowie notariell beglaubigten Urkunden, zumeist aber wertlos oder nur vorgetäuscht, beschwichtigen die Betreiber Anleger, denen Zweifel kommen, ob jährliche Zinsversprechen von dreißig, vierzig und mehr Prozent wirklich risikolos sein können.

Mit diesem Unwesen werde es bald vorbei sein, behauptet jetzt das Bundesfinanzministerium (BMF) und will - voraussichtlich im Juni - einen entsprechenden Referentenentwurf auf den parlamentarischen Weg bringen. Was Verbraucherschützer, Bundeskriminalamt und unabhängige Finanzexperten schon seit langem beklagen, das wollen die Verantwortlichen in Bonn nicht mehr länger ignorieren. Eine BMF-Umfrage bei den Strafverfolgungsbehörden des Bundes und der Länder hätte ein weiteres Zuschauen tatsächlich nicht mehr gerechtfertigt: Auf dem grauen Kapitalmarkt, so bilanziert Staatssekretär Hauser die Ergebnisse, "sind in einem nicht unerheblichen Umfang Anbieter und Vermittler tätig, die auf unseriöse und sogar kriminelle Art und Weise das Interesse von Anlegern ausnutzen".

Einsicht allein hat die Bundesregierung freilich nicht aus ihrer Lethargie gerissen. Immer häufiger beschweren sich nämlich niederländische, belgische und französische Aufsichtsbeamte bei ihren Kollegen in Bonn, daß schräge Finanzfirmen von deutschem Boden aus ihr Unwesen auch jenseits der Grenzen treiben. Zudem half die Kommission der Europäischen Union (EU) Waigels Ministerium auf die Sprünge. Die Bonner waren von den Brüsseler Fachleuten angehalten, bis Ende 1995 zwei EU-Vorgaben in nationales Recht umzusetzen: die Wertpapierdienstleistungs- und die Kapitaladäquanz-Richtlinie. Die beiden Wortungetüme - übrigens Abkürzungen - werden jetzt frühestens Ende dieses Jahres ins bundesdeutsche Recht einfließen. Lieber spät als gar nicht, mag sich manch einer denken und Nachsicht mit der Bundesregierung üben, die in den vergangenen Jahren einiges getan hat und noch tun will, um den Finanzplatz Deutschland zu stärken. Und klingt es nicht überzeugend, wenn ein Regierungsexperte prognostiziert: "Mit den geplanten Maßnahmen wird ein wesentlicher Teil des grauen Kapitalmarktes unter staatliche Aufsicht gestellt." Kein Zweifel: Die Richtung stimmt. In diesen Fällen ist Kontrolle allemal besser als naives Vertrauen. Die Vergangenheit hat gezeigt, wohin es führt, wenn professionelle Etikettenschwindler ungeniert schalten und walten können. Es ist schon absurd: Wer heute hochriskante Termingeschäfte, Ramschanleihen oder sogenannte penny stocks (Pfennigaktien) an den Kunden bringen will, muß sich nur beim örtlichen Gewerbeaufsichtsamt anmelden. Ein formloses Schreiben genügt in der Regel. Eine inhaltliche Prüfung findet nicht statt. Wie auch? Mitarbeiter dieser Behörden, die sich ansonsten mit Sicherheitsstandards auf Baustellen und bei Rasenmähern befassen, sind total überfordert, um komplexe Finanzprodukte wie etwa Devisenswaps zu begutachten.

Damit will die Regierung Schluß machen, auch wenn die Beamten noch an den Einzelheiten feilen. Fest steht, daß jeder, der künftig mit Wertpapieren handelt oder entsprechende Geschäfte vermittelt, eine Zulassung benötigt - und zwar von speziell geschulten Experten. Obskure Anbieter, derzeit nicht selten einschlägig Vorbestrafte, blieben dann auf der Strecke. Wer grünes Licht erhalten hat und anschließend am Markt agiert, muß sich nach dem BMF-Konzept ebenfalls einer Kontrolle unterziehen, voraussichtlich durch das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel. Die Aufpasser aus Frankfurt sollen unter anderem prüfen, ob Vermittler und Vermögensverwalter über genügend Eigenkapital verfügen, um im Verlustfalle - zumindest begrenzt - haften zu können.