Sie kennen den Westen, haben ihn genau studiert und verstehen ihn zu imitieren. Die Berliner Schule der neuen Prächtigkeit zum Beispiel scheint im Reich der Mitte ihren eigentlichen Meister gefunden zu haben. Er heißt Yue Minjun, wurde 1962 geboren und studierte Ölmalerei an der Universität Hebei. Bei seinen lachenden Kopien seiner selbst bekommt man eine Ahnung, welche Wirkungen Grützkes Verfahren in einer anderen Gesellschaft entfalten könnte.

"Wir amüsieren uns zu Tode" ist ein Slogan der Kritik der westlichen Gesellschaft, aber ins Bild gebracht hat ihn niemand so deutlich wie der Maler aus Daqing in der Provinz Heilongjiang. Es lassen sich auch Rauschenbergs Einflüsse finden und die des Photorealismus.

Manches wirkt dilettantisch, anderes irritierend virtuos.

Die Ausstellung zeigt die Arbeit von 31 Malern. Die meisten wurden zwischen 1956 und 1965 geboren. Eine beeindruckende Generation.

Ihre Sternstunde war der Aufbruch der Jahre vor 1989. Die Panzer auf dem Platz des Himmlischen Friedens sollten ihm und ihnen den Garaus machen. Das ist nicht geglückt. Wer "Die Türen zuschließen" aus der Serie "Rote Mauer" von Wei Guangging aus dem Jahre 1992 betrachtet und die rote Backsteinmauer, auf der prägnant in Weiß "China" steht, ansieht, wird den Mut des Künstlers bewundern, aber auch den Humor, mit dem er seine überdeutliche Kritik in das Gewand einer altväterlichen Holzschnittästhetik kleidet.

Die Ausstellungsmacher, allen voran Dieter Ronte, Ren Rong und Walter Smerling, bereisten das Land, besuchten zweihundert Ateliers und luden ein, wer ihnen gefiel. Keine offizielle Stelle in Peking hat eine Vorauswahl getroffen. Herausgekommen ist die interessanteste, überraschendste Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst. Tuschmalerei, Kalligraphie, Installationen und Photographie fehlen. Vielleicht wird das bei neuen Gelegenheiten nachgeholt.

Einer der verblüffenden Augenblicke beim Gang durch die Ausstellung ist, wenn man nach den Bildern Zhou Chunyas auf deren Begleittext sieht. Es sind Ölgemälde, "Landschaft" steht darunter. Sie imitieren den Eindruck von Tuschzeichnungen. Man sollte annehmen, das wäre in China ein Erfolg. Aber der Vizeprofessor der Kunstakademie von Chengdu, der übrigens 1986 bis 1988 in Kassel studierte, "ist einer jener chinesischen Künstler, die praktisch ausschließlich für das Ausland malen, da für ihre Malerei in China selbst keine Marktnische existiert". Liebt der Westen die Wiederholung des Chinesischen im westlichen Material, und plädiert man in China mehr für eine säuberliche Trennung der Welten, oder aber lieben die Auslandschinesen Zhou Chunyas Bilder so sehr, daß für den Binnenmarkt keine mehr übrigbleiben?