Diese Arbeit ist der Versuch einer Interpretation", mit einem derart klassischen Understatement charakterisiert der französische Historiker François Furet seinen soeben ins Deutsche übertragenen groß angelegten Essay: "Das Ende der Illusion". Bisher "Neuling auf dem Gebiet der Geschichte des 20. Jahrhunderts", fraglos aber einer der bedeutendsten Kenner des 18. Jahrhunderts und der Französischen Revolution, deren Interpretation er seit der Mitte der sechziger Jahre mit seinem entideologisierenden Ansatz grundlegend beeinflußt hat, will Furet keineswegs das Gesamtphänomen des Kommunismus behandeln, wie das im Untertitel der deutschen Übersetzung fälschlich beansprucht wird. Vielmehr interessiert ihn ausschließlich die langlebige Faszinationskraft der "kommunistischen Idee", mithin, wie er mehrfach ausdrücklich betont, "die Geschichte der Illusion des Kommunismus" oder jener "revolutionären Leidenschaft", die dieser unter seinen Anhängern zu entfachen vermochte.

Furet kennt diese Illusion aus eigener Erfahrung, da er aus Protest gegen das Vichy-Regime als junger Student von 1949 bis 1956, bis zum Ungarn-Aufstand, der KPF angehörte. Inzwischen blickt er auf seine "damalige Verblendung ohne Nachsicht, doch auch ohne Verbitterung" zurück, so daß er über seinen Gegenstand aus intimer persönlicher Kenntnis, zugleich aber mit der analytischen Distanz des professionellen Historikers schreiben kann.

Das Ergebnis ist ein imponierender Entwurf zur Ideologiegeschichte des 20. Jahrhunderts. Zugrunde liegt der hochgemute Anspruch, eine möglichst umfassende Synthese der welthistorischen Auswirkungen der "kommunistischen Idee" zu bieten. Ganz unübersehbar bildet aber die Verführbarkeit bürgerlicher Intellektueller einen zweiten, vielleicht sogar den eigentlichen Brennpunkt der Darstellung.

Denn an diesem roten Faden hält Furet mit einem energischen Kraftakt fest, wenn er seine Probleme durch das Labyrinth des "kurzen" 20. Jahrhunderts, vom Ersten Weltkrieg bis 1991, verfolgt.

Mit anderen Worten: Im Sinne der modernen Sprachanalyse liegt unter Furets Haupttext, seinem Bericht über den Aufstieg und Niedergang der kommunistischen Illusion, noch ein Subtext, in dem es, alles andere als emotionslos, um seine geheime Obsession geht: um die fatale Ausstrahlung des bolschewistischen Kommunismus, selbst des Stalinismus, auf Generationen von französischen Intellektuellen; um die radikale Abrechnung mit den kommunistischen Mandarinen von Paris; um die leidenschaftliche Kritik a n ihrer marxistisch-leninistisch-stalinistisch drapierten Sehnsucht, ungeachtet aller erkennbaren barbarischen Menschenfeindlichkeit des sowjetischen Regimes sich auf der Seite des historischen Fortschritts zu wissen.

Man muß daher das Buch gewissermaßen mit zwei Brillen lesen: zum einen als weit ausgreifende Ideengeschichte der totalitären Versuchung von links, zum anderen als schneidende Anklage gegen illustre Galionsfiguren der französischen Intelligenz. Die Entscheidung für eine ideengeschichtliche Analyse ist selbstverständlich Sache des Autors, der sie nach Kräften zu legitimieren versucht. Auch dieser Essay zeigt jedoch, wieder einmal, Glanz und Elend einer reinen Ideengeschichte. Das Leitmotiv, die Verblendung durch die kommunistische Illusion, läßt sich auf diese Weise, unstreitig oft genug in großem Stil, mit eherner Konsequenz verfolgen. Daß aber die sozialen, ökonomischen, politischen, kulturellen Dimensionen ausgeblendet werden, hat gravierende Folgen, da die Welt jener Ideen, welche die "revolutionäre Leidenschaft" inspirieren, in einer eigentümlichen Isolierung als allein ausschlaggebende Antriebskraft erscheint. Wo sind die sozialen und politischen Folgen der industriellen Revolution in Europa und Rußland? Wo ist die Formierung systemkritischer Arbeiterbewegungen in Europa und Rußland, wo die reformunfähige Rückständigkeit der zaristischen Autokratie, die als einziges Regime eine kompromißlos revolutionäre Linke hervorbrachte? Wo sind die Traditionen des russischen Imperialismus seit dem 19.

Jahrhundert, der deutschen Ostexpansion zwischen 1917 und 1945, der westlichen Eindämmungspolitik gegenüber der Sowjetunion seit 1918?