In dem Band "Lokaltermin", einer 1983 erschienenen Sammlung seiner kunstkritischen Aufsätze, zitiert Günter Metken im Vorwort einen Text von Kandinsky, in dem dieser 1936 die Stimmung zur Zeit der Konzipierung des Almanachs "Der Blaue Reiter" beschreibt. "Damals", so Kandinsky, "hatte ich den Einfall, ein ,synthetisches` Buch zu schaffen, das die abergläubischen Vorstellungen abbauen und die ,Mauern einreißen` sollte zwischen den voneinander getrennten Künsten, zwischen der offiziellen Kunst und der nicht anerkannten Kunst, es sollte beweisen, daß die Frage nach der Kunst nicht die nach der Form, sondern die nach dem künstlerischen Gehalt ist ..."

In der Kunst gab und gibt es noch viele Mauern, auch wenn manche von den Künstlern tatkräftig niedergelegt, von den Kritikern in Grund und Boden geschrieben worden sind. Wobei es auffällt, daß oft gerade diejenigen unter den Künstlern und Kritikern als Pioniere wirksam waren, die sich nicht durch das Wedeln mit einer programmatischen Fahne hervorgetan hatten.

Günter Metken zum Beispiel ist von seiner ganzen Konstitution her gewiß keiner, der Mauern einreißen oder, was dasselbe ist, Barrikaden errichten möchte, auch nicht mit Wörtern. Seine kunstkritische Methode ist die des Unterwanderns.

Kenntnisse quer durch den Garten der Künste und Humanwissenschaften und eine Neugierde vor allem auch für die fernen Länder im Kopf und auf der Landkarte ergänzen sich mit dieser freundlich subversiven Forscherlust, die auch Entdeckungen nie mit einem Paukenschlag präsentiert. Und am wohlsten fühlt sich dieser Forscher, der auch einen guten Sinn für das Skurrile hat, wenn er in Südamerika ist, in Afrika oder Asien und hier jenseits der Kunstgeschichte die Kunstgeschichten entdecken kann.

Günter Metken, der sich nicht nur zwischen den Kulturen bewegt, sondern auch zwischen den Kunstgattungen, liebt in seiner Eigenschaft als Unterwanderer natürlich die Grenzgänger: die Ethnologen, die mit ihrer Arbeit in die Landschaft gehen, in die Geschichte abtauchen.

Oder diejenigen Künstler, die zwischen der bildenden Kunst, der Musik und der Literatur arbeiten. In dem Bändchen, das die Aufsätze zu diesem Thema unter dem Titel "Laut-Malereien - Grenzgänge zwischen Kunst und Musik" zusammenfaßt, sind dem Fall Richard Wagner natürlich mehrere Texte gewidmet, wobei Metken sich aber nicht nur mit den bekannt titanischen Themen aufhält, sondern auch bei Betrachtung der Wagner-Denkmäler die Frage stellt, inwieweit eigentlich Musik sich in Skulptur materialisieren läßt. Oder auch in die bildliche Darstellung umsetzen, wie Paolo Veronese es bei seiner "Hochzeit zu Kanaa" versuchte. Umgekehrt dann die Frage, was Pierre Boulez in seiner Arbeit mit dem von ihm verehrten Paul Klee verbindet.

Das von Komponisten wie Richard Strauss verwendete Wort Tondichtung einerseits, Bildtitel wie Kandinskys Improvisation und Komposition oder die Fuge und Sonate genannten Bilder des Maler-Komponisten Ciurlionis andererseits zeigen, daß gerade in unserem Jahrhundert die Grenz- und Doppelgänger heftig auf der Wanderschaft waren und sind. Und die Unterwanderer deshalb doppelt nötig.