Noch ehe er, im Alter von 29 Jahren, in die Ehe flüchtete, hatte er schon zwei Frauen geschwängert. Die Ehe erhöhte die Zahl seiner Kinder nochmals um fünf, änderte an seinem beischlaffrohen Lebenswandel jedoch gar nichts. Don Juan und Casanova müßten verblassen gegen diesen schottischen Landedelmann, wenn dessen freimütige Bekenntnisse einer größeren Öffentlichkeit früher bekanntgeworden wären. Weder sie noch die Playboys von heute hätten das geschafft: "Morgens um acht kam eine Frau mit einem Korb Süßigkeiten in mein Zimmer.

,Hab er ein Mann?` ,Ja, in den Gards bei Potsdam.` Stracks ins Bett. In einer Minute war alles vorbei, ich stand auf und schickte sie fort." So notiert es der 1740 geborene Schotte James Boswell am 11. September 1764 in seinem Tagebuch.

Damit die Episode nicht als einmalige Überhitzung erotischer Phantasie erscheinen möge, müssen wir ihr noch ein paar andere Tagebuchnotizen nachschicken: "Abends ein neues Mädchen. Ich schwöre: ab jetzt eine Woche keine Frau. Muß mich sehr anstrengen. (12.4.1765)" - "In Rom habe ich mich bei den Prostituierten derart ausgetobt, daß ich mir jene Unpäßlichkeit einhandelte, die wir die Geißel des Lasters nennen ... (In Venedig ging ich) zu einer Ballettänzerin und nahm Lord Mountstuart mit. Wir trieben es nacheinander mit ihr - und wurden prompt mit der gleichen Strafe belohnt, die mich in Rom erreicht hatte. (19.7.1765)" - "Ich war jetzt von fiebriger Geilheit befallen, ging in den Park und trieb es mit einer Dirne.

Ich aß ... trank allein eine Flasche Rotwein ... (Das führte) zu einer brutalen Fleischeslust. Es trieb mich wieder in den Park, und wieder erleichterte ich mich mit einer Dirne. Aber es kam noch schlimmer. (Eine Hure sprach mich an,) und im Suff trieb ich es auch noch mit ihr. (29.3.1776)" - "Das heiße Wetter und der viele verdünnte Wein hatten mich so in Wallung gebracht, daß ich mir auf dem Heimweg ein sehr verlockendes Objekt der Begierde nicht versagen konnte. (10.8.1791)." Genug zitiert, genug! Es galt zu zeigen, daß die Sucht nach Sex eine der wenigen Konstanten in Boswells Leben war. Ironie der Konsequenz: Sie war auch die Ursache seines frühen Todes. Er starb, noch nicht 55 Jahre alt, am 19. Mai 1795 an den Folgen einer nicht rechtzeitig behandelten Lustseuche.

So kann auch die relativ harmlose Gonorrhöe gefährlich werden, vor allem im Zusammenwirken mit Alkohol. Dafür war reichlich gesorgt.

Unter dem 25.6.1763 heißt es in Boswells Tagebuch: "Wir (beide) blieben bis gegen zwei Uhr zusammen und tranken einige Flaschen Port." Was das bedeutet, erklärt er dem Nichteingeweihten drei Wochen später: "Eine Flasche schweren englischen Portweins ist eine erhebliche und benebelnde Dosis." Und noch zwei Monate vor seinem Tode schreibt er an seinen Sohn Alexander: "Was Wein angeht, so habe ich in letzter Zeit wohl des Guten ein wenig zu viel getan ..."

Seinen Ruhm verdankt James Boswell freilich nicht diesen Lastern, sondern der dritten Konstante seines Lebens, die ja hier schon oft genannt worden ist: seinem Tagebuch, richtiger: seinen Tagebüchern, angereichert durch Briefe, Notizen, Kritiken, journalistische Prosastücke und sogar 33 Gedichte. Das alles wurde gesammelt und zusammengekauft von dem Amerikaner Ralph Heyward Isham und von diesem 1949 der Universität Yale vermacht. Dort wurde von 1950 bis 1989 eine Boswell-Ausgabe in dreizehn Bänden veröffentlicht, aus der schon in den fünfziger Jahren Fritz Güttinger einiges ins Deutsche übersetzt hat. Nun hat Helmut Winter, vielleicht angeregt durch den Erfolg seines Pepys-Tagebuches, ein neues Digest aus dem kolossalen Konvolut erarbeitet und übersetzt, das auch für den Laien lesbar ist. Was heißt "lesbar" - es ist so unterhaltend und belehrend, wie Horaz es sich gewünscht hat. Sogar für weibliche Leser, die doch ein gutes Recht hätten, den versoffenen Chauvi abscheulich zu finden. Zwischendurch hat er sich auch anders beschäftigt und Besserung gelobt.