Am 19. Juni 1995 führt der 63jährige Horst L. kurz nach 22 Uhr seinen Boxer Billy ein letztes Mal vor dem Schlafengehen über den Grazer Damm in Berlin-Schöneberg. Eine Gruppe Jugendlicher pöbelt ihn an, schlägt mit Stöcken auf den Hund ein, wirft mit Steinen. Als Horst L. sie warnt, das Tier sei abgerichtet, verschwinden sie, tauchen aber kurz darauf wieder auf, bewaffnet mit Holzlatten, aus denen Nägel ragen. Plötzlich fallen zwei Schüsse. Einer trifft den Rentner am Kinn, der zweite durchschlägt den Hals, die Kugel bleibt in Höhe des dritten Brustwirbels stecken. Tagelang ringen die Ärzte um das Leben des Mannes. Der Täter, der achtzehnjährige Cengiz T., flüchtet, stellt sich aber später der Polizei.

In den Gerüchten, die wie üblich durch den Stadtteil schwirren, heißt es, der Deutsche habe die türkischen Jugendlichen provoziert - ein "Ausländerfeind". Aber das gängige Entlastungsargument - türkische Jugendliche wehren sich gegen alltägliche Diskriminierung - taugt hier nicht. Horst L. ist ein liberaler Bürger und auch nach seiner Genesung ohne Rachegefühle. Der Anwalt von Cengiz T. erklärt später vor Gericht, sein Mandant habe nicht gewußt, daß es sich um eine scharfe Waffe handelte. Ein Unfall also?

Kaum einer der Jugendlichen im Viertel glaubt an diese Version.

Der achtzehnjährige Jonas (Name geändert), der aus Ghana stammt und in der Nachbarschaft der Clique groß geworden ist, kann darüber nur lachen; er sagt: "Hier kennt sich jeder mit Knarren aus."

Das Urteil gegen Cengiz T.: Zwei Jahre auf Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung. Mit dieser Tat und der milden Strafe ist er bei seinen Kumpels auf dem Kiez seither ein Held.

Irregeleitete junge Menschen? Gewalttätigkeit als bitteres Resultat von kaputtem Elternhaus, sozialem Elend, Arbeitslosigkeit? Jugendschützer stellen sich gewohnheitsmäßig vor die Täter. Emine Demirbüken, die Ausländerbeauftragte in Berlin-Schöneberg, zugleich Sprecherin der Türkischen Gemeinde in Deutschland, sagt vor der Presse, die meisten der Jungs seien nett, man müsse nur mal mit ihnen reden.

Es wird die übliche Forderung nach mehr Jugendarbeit und längeren Öffnungszeiten der Freizeitheime gestellt, eine vermeintlich tendenziell rassistische Gesellschaft wieder einmal als eigentlich verantwortlich ausgemacht.