Verbraucheranwalt, Bürgerrechtler, Verteidiger der kleinen Leute gegen die Übermacht von Bossen und Bürokraten, Kämpfer gegen den internationalen Freihandel - all das ist Ralph Nader in dreißig Jahren linken politischen Aktivismus schon gewesen. Jetzt fügt der auch außerhalb der eigenen Landesgrenzen weithin bekannte Amerikaner seiner reichen Biographie ein neues Kapitel hinzu: Er wird Präsidentschaftskandidat.

Auf dem Ticket der winzigen, bislang kaum in Erscheinung getretenen grünen Partei Amerikas wird Nader im Herbst gegen Bill Clinton, Bob Dole und vielleicht auch Ross Perot antreten. Der 62jährige wirkt zwar nicht gerade wie ein ernsthafter Bewerber um den Einzug ins Weiße Haus; weder will er eine umfangreiche nationale Kampagne anzetteln noch viel Geld ausgeben. Aber Washingtons demokratische Wahlstrategen sind mehr als nervös geworden. Würde es im November eng, wäre jede Stimme für die Grünen ein Votum gegen Clinton - und Dole wird Präsident.

Nader ficht dies nicht an. Für ihn haben sich die Unterschiede zwischen den beiden alten amerikanischen Parteien bis zur Unkenntlichkeit verwischt, den Präsidenten schimpft er verächtlich George Ronald Clinton (und gibt ihm damit die Vornamen seiner republikanischen Amtsvorgänger Reagan und Bush). "Beide Parteien haben den demokratischen Prozeß in unserem Land verunstaltet und zerstört", sagt Nader, "die Bürger brauchen mehr als zwei politische Wahlmöglichkeiten."

Sein Ziel: das Duopol von Republikanern und Demokraten aufzubrechen und gegen den konservativen Trend im Land eine progressive Alternative zu schaffen, die für Konsumenten und Arbeiter einsteht. Dazu will Nader das nach seiner Meinung korrupte Wahlsystem der Vereinigten Staaten umkrempeln; die Amtszeiten der Politiker sollen begrenzt, der Einfluß von privaten Geldgebern auf Parteien und Abgeordnete soll ausgeschaltet werden. Mit der grünen Tagesordnung verbindet den asketischen Kämpfer für Konsumentenrechte deren Forderung nach sozialer Gerechtigkeit und der Dezentralisierung politischer Macht. Die Umweltschützer hoffen, mit Nader als Zugpferd Aufmerksamkeit wie nie zuvor zu erhalten. "Unsere Ideen benötigen ein schärferes Profil. Nader ist ein Signal dafür, daß eine dritte Partei eine Chance hat", meint ein führender Grüner im kalifornischen Santa Monica. Das wäre schon viel: Bislang sind die Grünen nur in ein paar lokalen Parlamenten vertreten. Umfragen geben ihrem Präsidentschaftskandidaten beispielsweise in Kalifornien nur gut sieben Prozent der Stimmen.

Er könne nicht gewinnen, weiß auch Nader. Andererseits hat der Mann, der bis heute Computer und Kreditkarten verschmäht, kein Auto fährt und nur einen Schwarzweißfernseher besitzt, im Laufe seines langen politischen Lebens mehr als einmal gezeigt, wie man mit einer wachsenden Bürgerbewegung Einfluß auf die Politik Amerikas nehmen kann. Zu seinem Vermächtnis gehören Airbags in Automobilen ebenso wie das Bürgerrecht auf Einsichtnahme in Regierungsdokumente.

Zielstrebig, zäh, ein wenig selbstgefällig und von sich selbst überzeugt: Nader sei eben, schrieb anerkennend auch der konservative Kolumnist William Safire, an American authentic - ein echter, wahrer Amerikaner.