Sechs, acht Felseninseln liegen unter südlicher Sonne: glitzernd blau schwappt der Stille Ozean an endlose Strände. Mangrovensümpfe ruhen am Rand der Lagune, und wenn der Ruß am Horizont nicht wäre, könnte man glauben, im Garten Eden zu sein. Dabei ist Topolobampo im Nordwesten Mexikos auf den ersten Blick nichts weiter als ein Fischerdorf mit Fähranleger und monströsem Heizkraftwerk. Nur daß die Häuser der Ärmsten oben am Hügel von Arkaden und Säulen geschmückt werden. Die bröckelnden Villen sind die Relikte einer vergangenen und vergessenen Utopie.

Wer heute als Tourist nach Topolobampo kommt, den schlägt die Schönheit dieses kleinen Ortes in den Bann. Der Blick vom Cerro de San Carlos geht über eine Vielzahl von Buchten mit Stränden, die weiß und weit sind wie im berühmten Acapulco. Ein bißchen wilder wirkt freilich alles, und es gibt auch nur zwei schäbige Hotels für die Wochenendausflügler, die mit dem Linienbus aus Los Mochis kommen, einer Distrikthauptstadt Sinaloas. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts waren die karstigen Hügel unbesiedelt.

Zwar nannten die Indianer den Landstrich Ohuira, den bezaubernden Ort. Aber sie mieden ihn wegen der Stürme, die sich dort wieder und wieder zusammenbrauen.

Erst im Jahr 1868 kam ein Gringo hierher, den die Naturgewalten nicht schreckten: Mr. Albert K. Owen, ein 23jähriger Ingenieur aus New York, hatte bei einer Reise durch die Berge der Sierra Madre Occidental die indianischen Legenden von der Schönheit Ohuiras vernommen: Es hieß, daß es dort fruchtbare Berge gebe und eine Lagune mit Wasser, das so klar sei, daß man es trinken könne.

Begeistert machte sich das Greenhorn auf den Weg. Es war eine beschwerliche Reise von den Höhen des Gebirges durch Dschungel und Wüste. Am 29. September erreicht Owen schließlich sein Tropenparadies, das er Topolobampo nennt, vermutlich ein von Indianern übernommener Name. "Was für ein Blick! Was für ein Panorama!" soll er ausgerufen haben. "Was für ein prachtvolles Meer!"

Mit kühnen Plänen war der Ingenieur aus New York in den wilden Westen Mexikos gekommen. Beflügelt von den Schriften eines gewissen Karl Marx, wollte er nichts Geringeres gründen als die "Sozialistische Metropole des Westens". So groß und mächtig wie New York sollte die neue Weltstadt am Pazifik werden, dabei jedoch moderner und menschlicher.

Die Intellektuellen seiner Zeit hatten wieder einmal Thomas Morus entdeckt, der in seinem Roman "Utopia" (1516) den besten aller möglichen Wohlfahrtsstaaten ersann. Jetzt, im 19. Jahrhundert, schien die Vision auf einmal machbar: Rasant hatten sich die Technologien fortentwickelt; dank Dampfschiff und Eisenbahn begannen Entfernungen zu schrumpfen.