Ein Szenario, unrealistisch - aber geeignet zur Prüfung des eigenen Standpunktes: Aufgrund anhaltender israelischer Provokationen im Südlibanon beschließt die Regierung in Beirut, Nordisrael anzugreifen.

Die Libanesen fordern die Bewohner in einem dreißig Kilometer breiten Streifen Nordisraels auf, ihre Häuser zu verlassen. Die libanesische Luftwaffe bombardiert Haifa und Tel Aviv und nimmt gezielt auch Flüchtlinge unter Beschuß. Über 400 000 Israelis fliehen Richtung Süden. Eine Verurteilung dieses Überfalls durch die Vereinten Nationen scheitert am Veto der Vereinigten Staaten.

Sie erklären, Israel habe die libanesische Reaktion selbst zu verantworten.

Ein unrealistisches Szenario, wie gesagt. Zudem waren es arabische Staaten, die das Existenzrecht Israels in Frage gestellt haben, nicht umgekehrt. Aber wenn man die Ereignisse auf den Kopf stellt - wird dann nicht trotzdem deutlich, wie nachsichtig die westliche Öffentlichkeit auf die jüngsten Militäraktionen Israels reagiert?

Der Westen verurteilt in der Regel engagiert - und berechtigt - arabischen Terror gegenüber Israel. Wenn aber umgekehrt der jüdische Staat das Völkerrecht mißachtet und den Libanon zum nunmehr vierten Mal in achtzehn Jahren angreift, so hält sich die Empörung in Grenzen. Die israelische Darstellung, die Angriffe dienten der Terrorbekämpfung und somit eigenen, legitimen Sicherheitsinteressen, wird überwiegend akzeptiert. Und gewiß haben die Bewohner Kiryat Schmonas das Recht, ihren Frieden notfalls zu verteidigen. Das Recht auf Frieden hat allerdings auch die Zivilbevölkerung im Südlibanon, deren Leben in diesen Tagen ungleich mehr bedroht wird.

Zur Erinnerung: Israels Probleme mit den Fundamentalisten sind weithin hausgemacht. Die schiitische "Partei Gottes" entstand als Reaktion auf die Libanon-Invasion 1982, mit der Israel die PLO aus dem Land jagte. Die Schiiten hatten damals die israelischen Soldaten als Befreier begrüßt, weil sie der palästinensischen Machtansprüche überdrüssig waren. Erst die israelische Politik der eisernen Faust im Südlibanon führte zu einer Radikalisierung der Schiiten und zur Entstehung der Hizbullah. Obwohl sie vom Iran und Syrien bewaffnet wird, ist sie nicht lediglich deren Handlanger. Ihre Unterstützung durch die Schiiten und die Bereitschaft vieler Jugendlicher, als "Märtyrer" im Kampf gegen Israel zu sterben, erklärt sich aus dem Gefühl, daß niemand dem "Unrecht Israels" Einhalt gebietet - der Besetzung von fast zwanzig Prozent libanesischen Territoriums, das Jerusalem als "Sicherheitszone" beansprucht.

Im Grunde geht es Shimon Peres nicht um die Hizbullah. Er will Druck ausüben auf Syrien, und er will sich im gegenwärtigen Wahlkampf als Hardliner profilieren, um nicht Stimmen zu verlieren an die konservative Opposition. Das mag innenpolitisch verständlich sein, für den weiteren Verlauf des Friedensprozesses ist das israelische Vorgehen im Libanon eine schwere Bürde. Letztendlich muß Israel sich entscheiden: Will es mit den arabischen Nachbarn einen ehrlichen und gleichberechtigten Frieden oder eine Befriedung auf der Grundlage militärischer Vorherrschaft? Es ist paradox, daß der engagierte Friedensverfechter Shimon Peres zum Mittel des Krieges greift, um ein erneutes Mandat zu erhalten für die Fortsetzung des Friedensprozesses.