Noch 200 Meter bis zum Warmiwanuska-Paß, dem Paß der toten Frau.

Der höchste Punkt der Strecke - ganz nah liegt er vor uns. Ein Schluck aus der Wasserflasche, tief durchatmen, um trotz der dünnen Luft genügend Sauerstoff in die Lunge zu pumpen. Weiter. Schritt für Schritt. Die Sonne steht fast senkrecht, brennt mit dreißig Grad auf uns nieder. Sechs Stunden zuvor hat es noch gefroren, hier in knapp 4000 Meter Höhe. Schweiß rinnt uns allen den Rücken herunter. In dieser Höhe wachsen kaum Bäume oder Sträucher, die Schatten werfen könnten - nur olivgrünes hartes Gras, Felsen und Steingeröll, so weit der Blick reicht. Ich gehe zwanzig Schritte.

Wieder bin ich so außer Atem, als wenn ich einen langen Sprint hinter mir hätte. Ich bleibe stehen, blicke zurück. Dort unten, über tausend Meter tiefer, im Wayllabamba-Tal, waren wir am frühen Morgen aufgebrochen. Ich schaue nach vorn, zum nahen Paß.

Wir wandern den Inka-Weg hinauf nach Machu Picchu: zwei junge Studentinnen und ein Professorenehepaar aus den USA, zwei Argentinier, ein Brite und drei Deutsche. Dan, ein Peruaner spanischer Abstammung, ist unser Tour-Guide. Er finanziert damit sein Volkswirtschaftsstudium.

Tausende Touristen folgen jedes Jahr dem alten Verkehrsweg, der vor Jahrhunderten von den Inkas angelegt wurde. Der Pfad ist Teil des Königsweges, der einst auf mehr als 5000 Kilometern nahezu den gesamten Andenraum von Kolumbien bis nach Chile erschloß.

Viele Pausen später steige ich die letzten Stufen zum Warmiwanuska-Paß hinauf. Rund vierzig zumeist junge Leute sitzen bereits oben, ruhen aus, genießen die Aussicht. Aufmunternd feuern sie jeden auf den letzten Metern an. Ich drehe mich um, schaue wieder ins grüne Wayllabamba-Tal hinab, stolz, diese gewaltige Anstrengung gemeistert zu haben. Hinter dem Tal ragt der gigantische, 6270 Meter hohe Salcantray empor, dessen schneebedeckter Gipfel zum Greifen nahe scheint.

Wer durch Peru reist, besucht Machu Picchu. Die fast vollständig erhaltene Inkastadt steht auf dem Programm nahezu jeder Pauschalreise durch das Andenland. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die in 2360 Meter Höhe auf einem Bergsattel über der Schlucht des Rio Urubamba gelegenen Ruinen zu erreichen. Direkt gelangt man bis heute nur mit der Eisenbahn dorthin. Genauer gesagt nach Aguas Calientes, der Bahnstation, 390 Meter unterhalb Machu Picchus im Urubamba-Tal. Die Ruinen wurden von dem amerikanischen Archäologen Hiram Bingham 1911 wiederentdeckt. Fast 400 Jahre waren sie von Pflanzen überwuchert und sind daher sehr gut erhalten. Erst 1948 baute man von Aguas Calientes aus die Carretera Hiram Bingham, eine Serpentinenstraße hinauf nach Machu Picchu.

Wer den bequemen Weg wählt, bucht in Cuzco für rund hundert Dollar eine Pauschalreise. Er fährt dann im vollklimatisierten Touristenzug.

Bewaffnetes Sicherheitspersonal an den Türen schützt vor Dieben.

Ohne Zwischenstopp rauscht die moderne Bahn 112 Kilometer durch das Urubamba-Tal. Dreieinhalb Stunden braucht sie. In Aguas Calientes steigen die Besucher in Minibusse um, die sie hinauf zu den Ruinen fahren.

Viele Indiofrauen warten auf diese Gelegenheit. Während die Touristen umsteigen, bieten sie ihre Waren zum Kauf an: in Handarbeit angefertigte Pullover, Handschuhe, Mützen oder Socken aus Alpakawolle, Postkartensortimente, Süßigkeiten. Sie versuchen, die Reisenden zu bewegen, zumindest aus Mitleid etwas zu kaufen: "Senor, un ponchito, muy barato ..."