Bildbeschreibung: In einem österreichischen Nachrichtenmagazin ist, halbseitig und vierfarbig, ein Photo abgedruckt, aufgenommen im burgenländischen Oberwart am 5. Februar 1995. In der vorhergehenden Nacht wurden vier Roma nahe ihrer Barackensiedlung bei einem Sprengstoffanschlag der "Bajuwarischen Befreiungsarmee" getötet, als sie versuchten, eine Tafel mit der Aufschrift "Roma zurück nach Indien!" zu entfernen.

Das Photo zeigt drei der Ermordeten, wie sie auf dem Rücken im Schlamm liegen, umgeben von Personen in wetterfester Kleidung und Markierungen der Spurensicherung. Der vierte wird im Sarg zum Leichenwagen getragen. Die Hecktür des Leichenwagens ist offen, ein weiterer Sarg liegt darin. Statt des Nummernschilds steht deutlich lesbar: Theater.

Ein Mißgeschick. Das Photo illustriert einen Vorbericht zur Hamburger Uraufführung von Elfriede Jelineks "Stecken, Stab und Stangl" im Kulturteil des Blatts. Die vorgefertigte Layout-Spitzmarke Theater und das Bild überschneiden sich unglücklich. Diese doppelabgründige Koinzidenz aber ist exemplarisch für die Gefahren, die den Theatertext der Wienerin umlauern.

Elfriede Jelinek bedient sich in "Stecken, Stab und Stangl" einer radikalen Collagetechnik. Sie reiht Aussagen des Treblinka-Kommandanten Franz Stangl absatzlos mit Texten des Kronen Zeitung-Kolumnisten "Staberl" aneinander, ebenso die tiefverzweifelten Gedichte von Paul Celan, Alltagshumoriges aus der Krone-Rubrik "Menschlich betrachtet", Zeitzeugenberichte über die Erschießung von 180 jüdischen Zwangsarbeitern in einem burgenländischen Dorf kurz vor Kriegsende, Sportreportersätze und Bibelstellen ("Dein Stecken und Stab trösten mich"). Die Sätze sind keinen unterscheidbaren Figuren zugeordnet, nur jovial moderiert im Talk-Show-Jargon. Das Risiko besteht allemal, daß das Theaterauto mit den Toten durch den Schlamm fährt, wenn auch im Jelinekschen Stakkato: tacktacktack.

Ein smarter junger Mann mit Seitenscheitel und Seidenhalstuch (Michael Wittenborn) tritt vor den Seidenvorhang. Die Lippen gepreßt, faltet er die Hände zum "bitte". "Bitte, sehen Sie hier eine flache Landschaft." Er will uns was erzählen. Vier Tote und ein Sprengstoffpaket.

Seine Rede ist etwas wirr, springt in Ort und Zeit, und jetzt bittet er die Toten auch noch persönlich herein, obwohl die ja tot sind und deswegen auch nicht kommen. Und weil "tiefe Anteilnahme" ja auch irgendwie anstrengend ist und weil man von einem gesenkten Kopf auf Dauer Nackenschmerzen kriegt, darf es so nicht weitergehen.

Die Hände, eben noch betend, ballen sich zu Fäusten, kriechen in die Hosentaschen. Einmal muß Schluß sein mit "tut mir so leid", the show must begin. Und jetzt ein paar Takte Musik.