Sehr geehrte Frau Professor Ohr,

in einem Interview der ZEIT (Nr. 14/1996) haben Sie sich für die Verschiebung der Europäischen Währungsunion und eine lediglich lockere Koordination der Geldpolitik ausgesprochen. Ihre Argumentation basiert auf der Krönungstheorie, wie sie in der Diskussion um den ersten Plan einer gemeinsamen Währung von Pierre Werner 1972 entstand. Sie hält eine Währungsunion ohne politische Union für unmöglich, da nur eine zentrale Regierung eine einheitliche Wirtschafts- und Fiskalpolitik als Grundlage für gemeinsame Geldpolitik gewährleisten könne. Andernfalls drohe harter Anpassungsdruck die schwächeren Volkswirtschaften mit zu hohen Kosten zu belasten, der Forderungen nach Transferzahlungen nach sich ziehe und so die politische Akzeptanz der gemeinsamen Währung in den starken Ländern und letztlich die Stabilität des neuen Geldes selbst untergrabe.

Es ist natürlich nicht zu bestreiten, daß der parallele Fortschritt der politischen, wirtschaftlichen und zuletzt auch monetären Integration den Idealfall europäischer Vertiefung darstellt. Aber erstens läßt dies die politische Realität der Europäischen Union nicht zu, und zweitens diskutieren wir seit dem Delors-Plan Lösungen, die auch ohne traditionelle Staatlichkeit Europas die Währungsunion ermöglichen.

Die Krönungstheorie ist wirklichkeitsfremd, da in den vier Jahrzehnten europäischer Integration fast immer der ökonomische Schritt dem politischen voranging, quasi als Hebel zur politischen Vertiefung diente. So ermöglichten die Montanunion und die EWG zentrale Institutionen mit eigener politischer Gestaltungsmöglichkeit, so half die Einheitliche Europäische Akte mit dem Binnenmarktprogramm die Blockade des in den sechziger Jahren eingeführten nationalen Vetos teilweise zu überwinden. Auch die in Maastricht vereinbarte stärkere Zusammenarbeit in den Bereichen Justiz und Inneres ist eine politische Konsequenz des Binnenmarktes. So wird auch die Währungsunion eine notwendige politische Vertiefung nach sich ziehen, etwa bei der Koordination der Wirtschaftspolitik.

Die Krönungstheorie ist überwunden, da Maastricht durch die Konvergenzkriterien nur die reifen Volkswirtschaften in der ersten Runde teilnehmen läßt und Transferzahlungen ausschließt. Eine gemeinsame Währung muß als Teil eines umfassenden Fitneßprogramms für die europäischen Volkswirtschaften gesehen werden. Schon im Vorfeld haben die Kriterien eine beachtliche Konvergenz bewirkt. (Den Franzosen die Ernsthaftigkeit ihrer stabilitätspolitischen Überzeugung absprechen zu wollen, halte ich schlicht für unredlich.) Aber auch die Einführung der Währung selbst wird weiter wirken, nicht nur über Planungssicherheit und effizientere Finanzmärkte, sondern auch über die Preistransparenz.

Daher teile ich Ihre Befürchtung von steigenden Preisen durch Aufrunden auf den jeweils höheren Euro-Betrag bei der Umstellung und Überwälzung der Kosten der EWU nicht. Heute differenzieren Unternehmen homogene Güter vielfach noch nach nationalen Märkten.

Bessere Vergleichbarkeit wird hier den Wettbewerb steigern, die Preise tendenziell drücken und so Aufrundung und Überwälzung schließlich entgegenwirken.