Zeichen und Wunder erleuchteten den letzten Lenz der DDR. Ex-SED-Postillen druckten Osterpredigten, Pastoren wurden Minister. Die CDU als irdische Verweserin der Offenbarung gewann die freie Wahl. Vom Eise befreit, erblühte Lutherland neuerlich als Goldene Aue der Reformation.

Und wenn die Welt voll Teufel wär? Der religiöse Schub blieb Wahlkampf, Entkirchlichung ein dauerhafter Sieg der SED. Besonders irritiert im Westen, welch unverminderten Zulauf die Jugendweihe erfährt.

86 000 Teilnehmer 1996 sind Nach-Wende-Rekord für das alte Freidenker-Ritual, das der SED zur Konfirmationsvertilgung diente. In den fünfziger Jahren stellte die evangelische Kirche ihre Gemeinden vor die Wahl: entweder Konfirmation oder Jugendweihe. Mehrheitlich bequemte sich das Kirchenvolk dem staatskonformen Ritus an. Die Kirche gab nach und gestattete beides. Seither ist die Jugendweihe im Osten folkloristisch etabliert als Geschenk-Orgie mit ethischer Umraunung. PDS-Zwang waltet nicht.

Der christliche Glaube ist keine Mehrheitsreligion. Endlich mal was Gemeinsames zwischen Ost und West!