Zur Kur fahren mopsige Tanten, erlebnisfreudige Rentner und ausgepowerte Mütter. Zur Kur gehören Fangopackungen, Buchweizentorte, Bademützen und grün-lila-glänzende Trainingsanzüge. Und in der Folge: leichte Verfettung oder - schlimmstenfalls - eine Ehekrise. Wenn nämlich der Kurschatten doch länger wird.

Das alles, bitte schön, sollte es gar nicht sein. Überhaupt kein Kurbetrieb, lieber eine Art Kloster mit gepflegter Küche und dezentem Zimmerservice. Hauptsache: No wine, no drugs, ein hartes Bett, Ruhe. Der Prospekt des Sanatoriums schien das zu bieten: das Haus von Wald umgeben, die Stadt ein halber Tagesmarsch weit entfernt.

Als äußerste Konzession ans Kurleben wanderte eine genoppte blaue Bademütze in den Koffer, bei deren Anprobe im Kaufhaus der Kurentschluß aufs deprimierendste bekräftigt worden war.

Die letzte Zigarette wurde, am Abend der Ankunft, sorgsam im Schnee vor der Terrassentür gelöscht, die Kippe in ein Tempotaschentuch gerollt, in eine Plastiktüte geschoben und dem verschlossenen Abfalleimer im Badezimmer anvertraut. Vorher, beim Inhalieren bis in die Zehenspitzen, war der aufglimmende Punkt in der Dunkelheit vorsichtig mit der Hand abgedeckt worden. So schnell war ich drin in der Kur.

"Sie wissen, daß die Kurzeit Ihnen einen Verzicht auf Fernsehen und Radio auferlegt und daß Zeitschriften und ähnliche literarische Produkte einer strengen Selbstkontrolle unterliegen sollen. Diese Bedingungen sind nicht weltfern und unzeitgemäß, sondern berücksichtigen im Gegenteil die neuesten Zeiterkenntnisse." Und noch etwas stellt die Hausordnung auf meinem Schreibtisch klar: "Nicht über eigene Krankheiten außer während der Therapiestunden reden."

Am zweiten Tag abends bin ich ziemlich gut über die Leidensgeschichten meiner vier Tischgenossen informiert. Allerdings hatten sich die Stimmen bei diesem Thema hörbar gesenkt, und wie nebenbei hatte man sich konspirativ umgeblickt, um danach, fast trotzig, in gewohnter Lautstärke weiterzureden. Ohnehin erweist sich dieser Tisch als Nest fröhlichen Ketzertums: Die selbst gekaufte Marmelade, rotes Glibberzeug aus Industriezucker, steht offen herum, nachdem ihr Versteck hinter der Gardine vom Personal entdeckt worden war.

An diesem Tisch wird geschnattert, gelacht, diskutiert und gelästert.