Welch unbeschreibliches Spektakel: Staunend blickt das europäische Publikum auf Italien. Das Land bleibt ein unlösbares Rätsel, ein politisches Babylon, fürwahr. Am Rande des Abgrunds wankend, amüsiert es sich beim Blindekuhspielen mit seinem eigenen Schicksal.

Was wurde aus der "Revolution", die als möglicher Beginn einer radikalen, mehr ethischen als politischen Erneuerung emphatisch begrüßt wurde? Sie scheint den üblichen Ausgang zu nehmen: all'italiana.

Verdächtigungen und Intrigen haben die Aura von Antonio Di Pietro zerstört. Dieser Held der mani pulite, der Sauberen Hände, war eben noch wie ein Gesandter des Schicksals gefeiert worden, der die Pharisäer aus dem Tempel der Politik verjagt. Da drängt sich der Gedanke auf, daß Italien am Vorabend seines Thermidor steht, noch ehe die eigentliche Revolution stattgefunden hat.

Aus Italien also nur schlechte Nachrichten, wie Tacitus einst über das Land der Germanen schrieb? So scheint es, denn die Instabilität verschlimmert sich: vier Regierungen in den vergangenen vier Jahren; das Parlament zum zweiten Mal in zwei Jahren vorzeitig aufgelöst; die Zahl der Parteien und Parteichen verdoppelt. Die politische Szene ähnelt einem verrückten Kaleidoskop.

Nach der Firmenpartei Silvio Berlusconis, die aus Anlaß der letzten Wahl entstand, haben wir jetzt die Partei ad personam: Sie hat sich um den noch regierenden Lamberto Dini formiert. Sollte es nicht in letzter Minute eine Überraschung geben, wird der Wahlgang vom 21. April dem Land keine Stabilität bringen. Es wird wieder nicht gelingen, eine stabile Regierung mit solider Mehrheit zu bilden, die fähig wäre, unpopuläre, aber unaufschiebbare Entscheidungen zu treffen. Schon hört man, es wäre kein Drama, 1996 noch ein weiteres Mal zu wählen. Ungewiß ist lediglich, ob es sich dabei um schwarzen Humor handelt oder blanke Unverantwortlichkeit.

Die Erinnerung an Weimar liegt deshalb nahe. Dieser Vergleich geistert häufig durch die Analysen der Politologen und die Reden der Politiker. Aber Vorsicht: Historische Analogien sind faszinierend, dennoch können sie leicht täuschen. So versteht sich von selbst, daß Amato, Ciampi oder Dini nicht Brüning, von Papen oder von Schleicher sind. Italien an der Schwelle zum Jahr 2000 hat so gut wie nichts mit dem Deutschland (und Europa) der dreißiger Jahre gemein. Rom ist nicht Weimar.

Die wahren Gefahren für die demokratischen Systeme sind immer neu. Nie geht es um ein Déja- vu. Die Defekte der Demokratie im bel paese resultieren aus einem Kurzschluß zwischen uritalienischen Sünden und aktuellen Problemen. Da sind einerseits historische Schwächen der Kultur und des kollektiven Verhaltens, sie geben das Erscheinungsbild eines dauerhaften anthropologischen Mangels ab. Da ist andererseits das Ende des politisch-ökonomischen Zyklus, der dem Alten Kontinent nach dem Zweiten Weltkrieg eine beispiellose Epoche demokratischer Stabilität und materiellen Wohlstands brachte.