Jamaika gilt als Inbegriff der Karibik. Doch vom Sonne- und Strand- Image möchte die Insel weg. Besuchern soll vor allem die koloniale Geschichte des Landes nähergebracht werden, in der viele der aktuellen Probleme begründet liegen.

Kilometerweite weiße Strände, türkisblaues Meer, Sonne und Palmen, Reggae und Rum - Jamaika erfüllt alle Vorstellungen von der Karibik im Übermaß. Seit über zehn Jahren erlebt die drittgrößte karibische Insel einen wahren Touristenansturm: Allein 1995 kamen 1,7 Millionen Besucher.

Auch bei deutschen Urlaubern wird Jamaika immer beliebter - trotz relativ hoher Preise und der wachsenden Konkurrenz benachbarter Ziele, allen voran der deutlich preiswerteren Dominikanischen Republik. Mit Einnahmen von einer Milliarde Dollar ist der Tourismus längst auch Jamaikas größter Devisenbringer.

Doch in die Freude über diesen Boom mischen sich auch kritische Töne. Als reines exotisches Urlaubsparadies fühlt sich die Insel zunehmnd verkannt. "Wir sind mehr als ein Strand, wir sind ein Land" - mit diesem Slogan sollen die Besucher auf die Berge, Flüsse und Wälder abseits der Urlauberzentren Montego Bay, Ochos Rios und Negril an der Nord- und Westküste aufmerksam gemacht werden.

Fast noch wichtiger aber erscheint den Jamaikanern, daß ihre Besucher auch die schmerzvolle Geschichte der Insel kennenlernen - nicht zuletzt, weil in ihr die meisten aktuellen Probleme Jamaikas wurzeln.

Vierhundert Jahre Kolonisation - erst unter spanischer, bis 1962 dann unter englischer Herrschaft - hinterließen tiefe Spuren: Über neunzig Prozent afrikanischer Sklaven, die einst auf die Plantagen Jamaikas verschleppt wurden. Die meisten schwarzen Jamaikaner leben noch immer in ärmlichen, die weiße Minderheit dagegen in begüterten Verhältnissen. Auch heute noch wird auf der Insel vor allem Zucker produziert. Und auf der Suche nach einer nationalen Identität ist Jamaika seit jeher hin- und hergerissen zwischen Afrika, Europa und der Karibik.

Um den Besuchern die koloniale Vergangenheit näherzubringen, haben der Nationale Denkmalschutzfonds und private Geldgeber in den vergangenen Jahren vor allem zahlreiche historische Bauten restauriert und zugänglich gemacht. Unter ihnen ist die Siedlung Seville bei Ochos Rios an der Nordküste besonders geschichtsträchtig. Sie war zunächst die größte Siedlung der Arawaks - der von den Spaniern ausgerotteten Ureinwohner -, später die erste spanische Stadt der Insel und schließlich Zentrum einer englischen Ansiedlung.