Die britische Autorin Fay Weldon ist bekannt für ihre bösen und witzigen Romane - "Die Teufelin" zum Beispiel, "Herzenswünsche" oder "Ehebruch". In ihnen führt sie die Dramen zwischen Mann und Frau gnadenlos vor. Den Stoff schöpft die studierte Psychologin und Mutter von vier Kindern, die sich jüngst, mit Anfang sechzig, verliebt an der Seite eines neuen Ehemanns vorstellte, nicht zuletzt aus dem eigenen Leben. Während ihre Leser darüber streiten, ob Fay Weldon eine erbitterte Feministin ist oder eher eine glühende Frauenverächterin, herrscht Einigkeit in einem Punkt: Sie ist Moralistin. Hinter aller unterhaltsamen Schärfe steckt die Überzeugung, daß Menschen sich anständig benehmen sollen und füreinander eintreten müssen. Wir baten Fay Weldon, dem Oberhaupt aller Briten, Königin Elizabeth II., zum siebzigsten Geburtstag eine Glückwunschadresse zu schreiben.

seien Sie versichert, daß ich diese Geburtstagsadresse als loyale Untertanin an Sie richte. Ich bin keine Republikanerin. Mögen auch die Angstträume britischer Hausfrauen darauf fixiert sein, Sie, Majestät, könnten zum Tee vorbeischauen und das Haus als Saustall vorfinden, so ist doch ganz unzweifelhaft, daß wir Ihrer bedürfen. Sie sind Teil des nationalen Unbewußten, verkörpern einen Jungschen Archetypus ganz eigener Art - die Königin von England -, der in sich die unendliche Grandeur von Elizabeth I.

mit Königin Victorias unendlicher Rechtschaffenheit vereint.

Sie abzuschaffen, an Ihre Stelle im Buckingham-Palast einen gewählten Präsidenten zu setzen, noch mal von vorn anzufangen, wie manche vorschlagen, um mit dem neuen Europa besser in Einklang zu kommen, das wäre eine Katastrophe. Es würde unserer zerbrechlichen nationalen Psyche den Rest geben. Sind wir nicht schon genug in Panik, jetzt, wo Europa real wird, wo die europäische Währungsunion näher rückt, wo die Aussicht auf den Verlust unserer staatlichen Souveränität akute Formen annimmt? Was würde werden aus Großbritannien, mit dem alten Feind Deutschland an der Hüfte und lediglich diesem Streifen feinschmeckerischen Frankreichs dazwischen? Ma'am, wie würden wir uns ohne das Königshaus in all unserer Irrationalität wiedererkennen, wie würden wir den Wandel wagen, wovon würden wir träumen?

Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Frauen in Deutschland Alpträume haben, Kanzler Kohl könnte zum Tee kommen. Dazu sind sie zu vernünftig und gewiß auch zu gute Hausfrauen. Aber wo können sie, ohne den alle umfassenden Archetypus der Mutter, sich eins fühlen im kollektiven Unbewußten? Das haben wir ihnen voraus.

Ma'am, es ist möglicherweise gerade der Widersinnigkeit Ihrer Existenz zu danken, daß Ihre Untertanen fortwährend so geschäftig kreativ sind, daß sie Romanciers und Dramatiker, Schauspieler, Regisseure und Theaterleute aller Art, Musiker, Filmemacher und Tänzer hervorbringen, die den Rest der Welt gut unterhalten, wenn nicht gar erleuchten. Die Künste blühen nicht in vernunftorientierten, rationalen Gesellschaften, nicht zu reden von solchen, die ihren Künstlern offen alle Ehre antun. Was wir mit Sicherheit nicht machen. "Sense and Sensibility", dieser aufs exotischste englische Film - in Berlin gewann er dieses Jahr den Goldenen Bären und viele Oscars dazu -, wurde, wenngleich von englischem Talent inspiriert, mit amerikanischem Geld finanziert. Und so weiter und so fort.

Genug geschmeichelt. Ma'am, was ist das nur für ein ständiges Mosern und Schwatzen unter Ihren Untertanen! Da landet man, von welchem Punkt Europas aus auch immer, in Heathrow und ist verblüfft, ja erfreut über das schiere Ausmaß des Geschnatters. Hier erweist sich Ihr segensreiches Wirken, Ma'am. Und sei es nur, weil wir so viel über Ihre Kinder plappern und dabei alles andere vergessen.