Moskau

Sein Name ist Hase. Gennadij Sjuganow weiß von nichts. Zum orthodoxen Osterfest am vergangenen Sonntag verkündete Rußlands derzeit noch aussichtsreichster Präsidentschaftskandidat im kommunistischen Nostalgie-Blatt Sowjetskaja Rossija: "In Rußland ist Ostern ein Volksfest. Zu allen Zeiten war es so ... Immer freute man sich auf diesen Tag, Osterkuchen wurden gebacken. Und freudig begrüßte man einander am Ostersonntag: ,Christus ist auferstanden.`"

Wer Ende der siebziger Jahre in Moskau lebte, hat das Fest noch etwas anders in Erinnerung. Sjuganows Genossen von den Parteikomitees, Hand in Hand mit KGB und Miliz, begrüßten an den Ketten, die sie schon Stunden vor den Ostergottesdiensten bildeten, jedermann barsch und einschüchternd: "Wohin?" Der Weg zu Christus war ein Spießrutenlaufen.

Heute ist das "Licht des Volkstags", so der Titel seiner Predigt, auch über den KP-Chef gekommen: "Unsere heilige, gekreuzigte Heimat, die soviel Leiden über sich ergehen lassen mußte, wird wieder aufleben, auferstehen - durch Arbeit, Beten und Reinheit unseres Sinnens und Trachtens. Nur so werden wir alle, Gläubige und Atheisten, den feindlichen, boshaften, unserem Vaterland fremden Mammon-Götzen besiegen."

Aus Sjuganow spricht hier weder Marx, dem Religion als Opium des Volkes galt, noch ein moderner Revolutionär. Fremdenfeindlicher Nationalismus als kleinster gemeinsamer Nenner der bröckelnden Dreieinigkeit seiner patriotischen, technokratischen und dogmatischen Parteiflügel - das klingt nicht gerade nach froher Botschaft.

Das Kreuz der Kommunisten ist, daß Rußlands betrogene Millionen zwar Reformen und Regierung verwünschen und die Vergangenheit romantisieren, aber dazu auch gerne einen Zaren hätten und keinen ZK-Funktionär.

Der Zar ist Boris Jelzin - noch einmal. Zwei Winter des verzweifelten russischen Alltags verbrachte er schon im politischen Koma - den großen Kampf aber lenkt er wieder von den Kremlzinnen mit eisernem Griff um Macht und Medien. Immer lauter tönen die Fanfaren, immer mittelalterlicher ist die Prachtentfaltung, wenn Jelzin in den Kremlsälen die Huldigungen von Kirchenfürsten, Künstlern, Kosmonauten entgegennimmt und neue Feiertage stiftet. Küsse und Orden all jenen, die dem Präsidenten momentan Nutzen bringen als Steigbügelhalter oder Statisten. Entlassen sind und werden, die ihn belasten, Reformer vor allem. Sie sind die Sündenböcke - mit in der Tat selten ganz sauberen Händen - für die Anarchie der Bereicherung und die Armut der Massen, die den Kommunisten einen so großen Stimmenvorsprung brachten.