Sie möchten immerzu weg. Aber wohin? Am liebsten natürlich nach Moskau, notfalls auch nach Paris. Oder gleich in eine andere Welt: in jene schönere Zukunft der Menschheit, die in hundert, spätestens zweihundert Jahren beginnen wird. Und während sie sich unaufhörlich wegwünschen, bleiben sie immerzu auf der Stelle hocken. Und säßen heute noch dort, wenn man sie nicht irgendwann aus ihren morschenden Kirschgärten vertriebe. Wenn nicht manchmal ein Pistolenschuß fiele - und einer dann wirklich weg ist aus dieser Welt.

Aber seltsam: Während sie, die Tschechow-Menschen, immerzu wegwollen, möchten wir, die Tschechow-Zuschauer, immerzu bleiben. Können nie genug bekommen von diesen langweiligen Leuten und ihren langweiligen Geschichten. Unter allen Theaterfiguren sind uns die Tschechow- Menschen die vertrautesten und liebsten, als gehörten sie zu unserer imaginären Großfamilie.

Im Dezember hat Andrea Breth an der Berliner Schaubühne "Die Möwe" gezeigt, im Februar Peter Zadek den "Kirschgarten" in Wien. Einmal ein strenger, einmal ein genial verschlampter Tschechow-Zauber.

Peter Stein hat nun mit italienischen Schauspielern im römischen Teatro Argentina "Onkel Wanja" ("Zio Vanja") inszeniert - und so hoffte der fromme Theaterpilger und Tschechow-Narr auf eine dritte Begegnung der wunderbaren Art. Denn zu den liebsten Tschechow-Menschen in seinem Gedächtnis gehören natürlich auch die von Peter Stein an der Schaubühne erfundenen: die drei Schwestern und die Kirschgartenleute.

Und weil die Erinnerung hübsch lügt und trügt, zählt sie irgendwie auch Gorkijs Sommergäste zu Steins unvergeßlichen Tschechow-Menschen.

Nach Rom!

Das Bühnenlicht erstrahlt, und wie mit einem Schlag sind wir mitten im schönsten russischen Sommer. Ein leuchtender Birkenhain, diesmal nicht von Karl-Ernst Herrmann für Gorkij, sondern von Ferdinand Wögerbauer für Tschechow auf die Bühne gepflanzt. Eine mit tiefer brauner Erde bedeckte Terrasse ist der Versammlungsplatz für eine Schar russisch-römischer Sommergäste. Hunde bellen, Krähen krächzen, Grillen lärmen, die Sonne verfängt sich und spiegelt sich in den Bäumen.